Patriarchale Autorität

»Vor allem aufgrund meines Alters, wohl auch meines Geschlechtes, war ich nun in die Rolle des Friedensrichters geraten.

Vorgestern hatten wir hier im Haus ein sehr schönes Tanzfest. Maxem, der Handwerker aus Syrien, hat dabei per Handy ein Kurzvideo geschossen, das eine Ahnung von der Stimmung vermittelt.

‚Unsere Jungs‘ und auch die beiden Familien, mit denen ich auf einer Etage lebe, waren die Stunden und sogar Tage davor ziemlich aufgedreht. Einige der Jungs sind vorher zum Friseur gegangen, um sich einen aktuellen Haarschnitt zu verpassen, den sie dann gegenseitig bewunderten. Schwarz war die Farbe des Abends, bei den Haaren ebenso wie bei der Kleidung – außer bei Roqia aus Kabul, die vor fünf Wochen hier als Kopftuch-Tragende angekommen war, nun trägt sie ihre Haare jeden Tag offen und sogar rötlich gefärbt. Man hatte sich für den Tanzabend schick gemacht und kam tendenziell ein bisschen zu spät, sei es aus Schüchternheit oder Noblesse, und auch die Moslime genehmigten sich ein oder zwei Bier.

Fromme und weltliche Herrschaft

Was mich dieser Tage noch mehr beschäftigt hat als die Vorfreude auf das Fest und die damit verbundenen Erwartungen unserer syrischen und afghanischen Mitbewohner ist das Spannungsfeld um den seit einiger Zeit immer herrschsüchtiger auftretenden Muskelprotz Mike. Anfangs hatte er sich als frommer dargestellt als die anderen und ihnen religiöse Belehrungen erteilt. Nun zeigt sich sein Herrschaftswunsch profaner: Er versucht zu bestimmen, wer in der WG was zu tun hat, das Saubermachen und Aufräumen. Hier und da trank er mal aus dem Kühlschrank einen Fruchtsaft oder eine Milch, die ihm nicht gehörten, neuerdings ist sogar von einem Handy-Netzteil die Rede, das er einem der Mitbewohner aus dem Zimmer entwendet haben soll.

Halal und Haram

In den Stunden der aufgedrehten Stimmung vor unserem Tanzfest gab es auf einmal oben in der WG Lärm. Ein paar der Jungs kamen runter, zwei oder drei von ihnen verlangten emotional erregt, dass ich die Polizei rufe. Ich holte sie alle zu mir in die Wohnküche und versuchte herauszufinden, was los war. Der blinde Arshad, der zusammen mit seinem Bruder Kashif aus Afghanistan nach Deutschland geflohen war, wies mit zitterten Beinen auf Mike, der ihn bedroht oder sogar geschlagen habe. Wildes Gestikulieren, vorwurfsvolle Laute auf Dari und Pashto, Mikes mächtige Stimme dagegen. Schließlich saßen sechs oder sieben Männer um meinen Küchentisch. Rahmad übersetzte mir einen Großteil der Worte ins Englische. Durch beharrliches Nachfragen fand ich heraus, dass Mike den Blinden an die Stirn gestoßen hatte. Anlass war eine Diskussion über das richtige religiöse Verhalten gewesen, vor allem Essen und Trinken betreffend, ob es halal ist (islamisch korrekt), was der eine oder andere tat, aß oder trank, oder haram (islamisch inkorrekt). Mike wurde vorgeworfen, doch selbst Bier zu trinken (haram), dabei aber andere zu belehren, dass, wer Alkoholisches trinke, kein guter Moslem sei.

Clan-Chef

Aufgrund meines Alters und weil ich hier der Vermieter bin, war ich nun in die Rolle des Friedensrichters geraten und fühlte mich wie der Älteste in einem afghanischen Stamm, wo ich, nach einem Streit in meinem Clan oder meiner Großfamilie, im Nomandenzelt in männlicher Runde Recht zu sprechen hatte, wie das dort seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden üblich ist. Was mir auch zunächst gelang. Dass Mike ausgerechnet dem Schwächsten gegenüber seine körperliche Überlegenheit demonstriert hatte, warf ich ihm vor und ermahnte ihn mit erhobener Stimme, seine große körperliche Kraft zum Schutz der Schwachen zu verwenden. Am Tag darauf kam das Thema jedoch nochmal auf den Tisch. Diesmal hatte Mike Talib Ghul ins Gesicht geboxt. Anlass war, dass Mike in der Küche das Sagen haben wollte und von Talib Gehorsam verlangte. Mein Auftritt war diesmal noch strenger: Wenn das ein drittes Mal vorkäme, würde er rausfliegen, drohte ich – wissend, dass ich dazu nach deutschen Recht kaum die Befugnis habe. Aber da mir hier eine friedenstiftende Autorität gefragt zu sein schien, gab ich dem nach.

Konsens gegenüber dem Autokraten

Ein paar Stunden später holte ich die beiden mit den besten Englischkenntnissen nochmal zu mir und bat sie, WG-intern dafür zu sorgen, dass es zu diesem dritten Mal nicht kommen würde, denn das würde vor allem für Mike böse Konsequenzen haben. Dabei erfuhr ich (Mike war nicht dabei, deshalb packten sie aus) noch einiges über sein Verhalten in der WG. Alle seien inzwischen gegen ihn, hieß es. »Dann haltet ihr zusammen! Einer gegen sieben, da kann er nichts machen!« Sie hätten ihn selbst schon mehrfach ermahnt, nicht so rumzubossen, sagten sie. Wenn er kämpfen wolle, hätte er doch in Afghanistan bleiben können oder solle wieder dorthin zurück. Hier seien sie alle, um Frieden zu haben, und den müssten sie auch in der WG praktizieren. Große Politik, kleine WG, im Mikrokosmos unseres Zusammenlebens spiegeln sich die Mächte »da draußen«. Mein Anliegen ist nun, dass die sieben, die da inzwischen einen Konsens gegen den körperlich überlegenen Möchtegern-Autokaten entwickelt haben, mit ihrer 87.5%igen Mehrheit sich zutrauen diesen Konsens auch durchsetzen.

Stimmungen

Das Geschehen ist schnell, die Stimmungen und Konstellationen ändern sich stündlich, manchmal minutlich. Die Bezüge sind komplex, meine Beschreibung zeigt immer nur einen minimalen Teil davon, sie ist immer partiell, immer unvollständig, und immer schäme ich mich beim Schreiben ein bisschen dieser Partialität und Unvollständigkeit. Vieles wird mir erst in der Rückschau klar, und auch dabei weiß ich, dass auch dabei nur ein Dämmern von Bewusstsein geschieht, keine große Klarheit.

Die Pax Wolf

Das immerhin scheint mir deutlich sichtbar: Das patriarchal autoritäre Prinzip, das die hier einwandernden Kulturen mitbringen, ist mächtig, und Körperkraft spielt dort noch immer eine große Rolle. Dass beide Familien, die afghanische und die syrische, hier jeweils ein Foto von mir an ihre Zimmerwand gehängt hatten (eines davon ist inzwischen wieder weg), hat mich erst unangenehm berührt. Es hat mich an die Bilder der Diktatoren erinnert, die ich vor Jahren in den Nahost-Staaten in fast jedem öffentlichen Raum an der Wand hängen sah: 1971 in Persien der Shah, 1975 in Syrien Hafez El Assad, auch in Afghanistan hing oft ein Männerportrait an den Wänden, in Jordanien der König und in der Türkei Atatürk. Hier im Haus war das Fotoportrait von mir eher ein Zeichen der Verehrung, scheint mir, das mir entgehen gebracht wird, denn wenn ich sie darauf anspreche, strahlen sie. Angstrei und beglückt haben sie das Bild dort angebracht, es ist für sie eine Pax Wolf, die sie damit visuell zeigen. So als würde ich durch dieses Bild über den Frieden in diesem Hause wachen, in dem sie nun, nach ihrer Flucht, eine vorläufige Bleibe gefunden haben.

— zuerst erschienen auf connection.de