Selbsterfahrungsgruppe

»›Mensch, erkenne dich selbst‹ - Heute kann unser ganzes Land dem nicht mehr ausweichen

Seit ein paar Monaten habe ich den Eindruck als befände sich ganz Deutschland in einer Selbsterfahrungsgruppe. Das Motto »Mensch, erkenne dich selbst«, das am Eingang zu dem berühmtesten Heiligtum der Antike, dem Apollotempel von Delphi stand, war bei uns bisher nur für einige Subkulturen am Rande der Gesellschaft von großer Bedeutung. Heute kann unser ganzes Land, vielleicht die ganze Welt dem nicht mehr ausweichen.

Ist das zu optimistisch gedacht? Die Aussichten, dass wir Bewohner dieses Planeten als Ganzes an Weisheit gewinnen, sind nicht gut. Dennoch: Meine Begegnungen mit ganz normalen Deutschen, die bisher mit Selbsterkenntnis, Meditation oder der faustischen Suche (»Da steh ich nun, ich armer Tor …«) nicht viel am Hut hatten, zeigen mir, dass sich zumindest bei uns im Land etwas geändert hat. Es ist schwieriger denn je geworden, einfach so weiter zu machen wie bisher.

Vertrautheit

Seit Mitte Januar lebe ich mit 16 Flüchtlingen im Connectionhaus in einer Art Hausgemeinschaft. Auch ich habe anfangs mit ihnen gefremdelt. Nach diesen zehn, elf Wochen des Zusammenlebens sind sie mir jedoch so vertraut geworden wie meine deutschen Freunde es sind. Meine persönlichen Erfahrungen mit ihnen sind im einzelnen mal so, mal so, insgesamt aber nicht schlechter als mit Deutschen. Oder sogar besser? Habe ich vielleicht einen Hang zur Fremden-Romantik und finde diese Ausländer toll, weil sie so aufregend anders sind? Nein, auch ich bin bequem und liebe das Bleibende, wenn es denn gut ist. Ändern sollte sich nur das, was nicht gut ist.

Im Inland Geflüchtete

Das von mir 1991 gegründete Connectionhaus war schon immer ein transkulturelles Projekt. Auch wenn die Unterschiede bezüglich der Herkunftssprachen unter seinen Bewohnern noch nie so groß waren wie heute, die Unterschiede in den Biografien, religiösen Orientierungen und Weltanschauungen waren es schon immer. Auch die Menschen, die vor Anfang 2016 hierher kamen, waren überwiegend Flüchtlinge oder Vertriebene, sei es aus zerbrochenen Beziehungen oder gebrochenen Beheimatungen anderer Art. Die Gründe ihrer Flucht, zumindest einen Anteil davon, trugen sie fast immer mit bei sich, im Gepäck ihrer Persönlichkeit. Im Falle, dass sie diese beibehielten, führte das zu weiteren Fluchten.

Ende der Abschottung

Heute macht durch die Flüchtlinge ganz Deutschland was durch. Die Franzosen und Polen schauen herüber und wundern sich: Was machen die da? Warum nehmen die Deutschen so viele Flüchtlinge auf? Weil wir uns nicht mehr abschotten können und das auch nicht wollen. So ähnlich wie die Pioniere der Selbsterfahrungsgruppen in der 60er und 70er Jahren ihre Schattenseiten ans Licht bringen und persönlich wachsen wollten durch die Begegnung (the encounter) mit anderen. Heute stellt sich nun ein ganzes Land dem, was durch die Aufweichung der Abschottung innen passiert. Trotz grassierendem Rechtspopulismus ist noch immer die Mehrheit der Deutschen fremdenfreundlich und will die durch die Globalisierung bewirkte Verwirbelung nicht in einer Gated Community draußen vor der Tür lassen.

Erste und zweite Globalisierung

Die Migrantenströme werden uns nicht »angetan«, wie der Opfermentalität Zugeneigte das gerne sehen. Die heutige zweite Globalislierung ist eine späte Folge der ersten, die im 16. Jahrhundert stattfand, ausgelöst durch die Eroberungsfahrten der europäischen Entdecker und Ausbeuter nach 1492. Auf die Entdeckungsfahrt des Kolumbus in jenem Jahr folgten das Zeitalter der Kolonialisierung, das erst 1960 endete, und die Zeit des Sklavenhandels im »Atlantischen Dreick« bis ins 19. Jahrhundert: Sklaven wurden von Afrika in die Neue Welt verschifft, Bauwolle und Zucker von Amerika nach Europa, billige Industrieprodukte von Europa nach Afrika. Europa war der Herrschaftskontinent, der Rest der Welt bestand aus den Kolonien für die Zulieferung von Rohstoffen, später »dritte Welt« genannt und formell frei, aber wirtschaftlich nach wie vor abhängig.

Dann kamen die Kriege der vergangenen Jahrzehnte um die Herrschaft über Rohstoffquellen, die Armutsflüchtlinge und der Sog der werbegetriebenen Konsumwirtschaft, die Außenstehenden als ein Schlaraffenland erscheint. Die in dieser Wirtschaft Lebenden aber empfinden sich mehrheitlich als gestresst, in Zeitnot, in diversen Hamsterrädernd tretend, vielfältig überlastet und keineswegs so glücklich, wie es den zu uns Herflüchtenden erscheint.

Einsicht in die Wurzeln

Und das Problem Islam? Ist ohne Rückblick in die eigenen christlichen und jüdischen Wurzeln nicht lösbar. Als die »katholischen Könige« 1492 mit Granada die letzte Bastion der relativ toleranten islamischen Kultur in Andalusien zerstörten, begann eine Zeit der Intoleranz, obwohl das Christentum damals älter war als der Islam es heute ist. Die vielfach gepriesene Altersmilde, die dem Christentum heute von Analytikern im Vergleich zum Islam zugute gehalten wird, hätte es also schon damals haben müssen. Die spanische Konquista des 16. Jahrhunderts war jedoch brutaler als die islamische Konquista des siebten bis neunten Jahrhunderts. Ohne Einsicht in die Arroganz und den Absolutheitsanspruch der Wurzeln unserer eigenen religiösen Kultur lässt sich der islamische Fanatismus nicht nachhaltig aus den Angeln heben.

Vom Rand in die Mitte

Die vierzig Jahre »Selbstfahrung« in den alternativen Gruppen der Spiri-, Psycho- und Öko-Pioniere kommen mir nun zu Gute, so dass mein heutiges Zusammenleben mit den Flüchtlingen zwar ereignisreich und herausfordernd ist, aber auch nicht mehr als meine Art des Lebens in heterogenen Gruppen es bisher war. Als 68er wie Joschka Fischer, Helmut Schröder und Bill Clinton Regierungsverantwortung erlangten, vielleicht fühlte es sich auch für sie so an, als wären sie vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gelangt. Ich bin zwar nicht in Regierungsverantwortung und will das auch nicht, fühle mich heute aber nicht mehr als Angehöriger einer Randgruppe.

— Zuerst erschienen auf connection.de