Sternenhimmel

Kleine Welt, große Welt

»Nun haben sie hier wieder einen Gewaltbereiten vor der Nase, wozu sind sie dann überhaupt nach Deutschland gekommen?

Man sagt das so leicht: im Kleinen das Große, im Großen das Kleine; der Makrokosmos zeigt sich im Mikrokosmos und umgekehrt; das Private ist politisch, und die Politik greift mächtig in unser Privatleben ein. Hierzu eine Geschichte aus dem Connectionhaus über das Zusammenleben mit Flüchtlingen und vor allem: das Zusammenleben der Flüchtlinge untereinander. Denn einer von ihnen hält sich nicht an die Regeln. Er nimmt sich von den Fahrrädern, die für alle da sind, ohne zu fragen das Beste für sich, er macht beim Putzen nicht mit, er bestiehlt die anderen nachts aus dem Kühlschrank und droht seinen Mitbewohnern, dass er sie zusammenschlagen würde, wenn sie sich ihm nicht fügen oder ihn an Stellen verpetzen, die mächtiger sind als er. Unter den Bewohnern ist er der körperlich stärkste, und er trainiert seine Muckis weiterhin, gut sichtbar in der WG, durch Kung-Fu-Übungen und anderes. Zwei in der WG sind von ihm schon geohrfeigt worden, ein Dritter (der Blinde) bekam einen Stups vor die Stirn, um ihm zu zeigen: Ich bin hier der Boss!

Der Sog des Negativen

Den Realnamen von ihm möchte ihr hier aus Personenschutzgründen nicht nennen, sonst würde ich mich damit angreifbar machen, riet mir gerade eben (23. 6., ich verändere gerade was an diesem Blogeintrag – mehr dazu weiter unten in einem Kommentar von mir selbst) lässt sich von uns Mike nennen. Den Namen hat er sich selbst gegeben, er ist damit nicht amtlich erkennbar. Ich habe hier im Blog schon ein paar Mal von ihm berichtet. Lieber würde ich von den schönen Ereignissen hier im Haus berichten – da gibt es viele –, aber die negativen haben so eine Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Androhungen vom Gewalt ängstigen, sie bewirken, dass man sich schützen will. Deshalb geben wir negativen Nachrichten mehr Aufmerksamkeit als positiven. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in unserer Vorgeschichte: Wer zuerst dem sich heranschleichenden Säbelzahntiger die Aufmerksamkeit gab und dann erst den Blumen am Wegesrand, hatte einfach bessere Überlebenschancen. In unserem Falle lenke ich den Fokus nicht nur deshalb auf Mike, weil seine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit für uns eine gewisse Gefahr ist, sondern auch, weil sich in der Art, wie er hier wirkt, Zusammenhänge zeigen, die auch im Großen wirken, wo es um mehr geht als darum, ob mal jemand eine Watschn erhält, sich nicht an den Putzarbeiten beteiligt oder ein Stück Wurst im Kühlschrank klaut. 

Umgang mit dem Regelbrecher

Wir Hausbewohner haben mit mehreren der Asylsozialbetreuer vom Landratsamt darüber gesprochen, wie wir am besten mit Mike umgehen sollen. Wir sollten ihn bei der Polizei anzeigen, sonst könnten sie in der Sache nichts machen, sagten sie. Verlegen bringt nichts, weil er dann an der neuen Stelle dassselbe macht. Es könnte auch sein, dass eine Verlegung dem Querulanten als Belohnung erscheint, von einem eventuell ungeliebten Platz weg zu kommen, z.B. an einen Ort mit besserer Bahn- und Busverbindung, und das soll nicht Schule machen. Deshalb sind wir im April zu fünft damit zur Polizei gegangen, vier der Afghanen und ich – in meinem Blogeintrag über »Schönheit« vom 22. April habe ich nach dem Loblied auf die Schönheit auch über Mikes Verhalten und unseren Gang zu Polizei geschrieben, über sein Persönlichkeit auch schon am 29. Februar unter »Patriarchale Autorität«.

Unser Bericht bei der Polizei führte nicht zu einer Anzeige, weil auch der von uns mitgebrachte Übersetzer von Mike bedroht worden war und er deshalb von der Polizei (zu Recht) als befangen gewertet wurde, obwohl er der am wenigsten Bedrohte war und deshalb gar nicht zur Polizei gegangen war, sondern nur, um zu übersetzen. So konnte dort er, der am wenigsten Geschädigte etwas zu Protokoll geben, für ihn übersetzte ich zwischen Englisch und Deutsch. Mike erhielt daraufhin eine Vorladung zur Polizei, dort kam dann ein bestellter und unbefangener Übersetzer, Mike tat seinen Standpunkt kund und bedrohte anschließend die gesamte WG noch krasser als vorher: Wer ihn verpetzen würde, den bringe er um.

Mike prahlt gerne, deshalb nehmen wir nicht alles, was er sagt, ernst. Er hat mir jedoch erzählt, er sei vier Jahre bei der afghanischen Polizei gewesen, darunter zwei Jahre bei von den Amis trainierten »Special Forces« (ein Bild davon zeigte er einigen von uns auf seinem Handy, er ist da in voller Kriegsrüstung zu sehen), darauf ist er sehr stolz. Er mag einen kindlichen Charakter haben, unsicher sein und leicht erregbar, aber das macht ihn nur noch gefährlicher. 

Schützt uns die Staatsgewalt?

Gesprächsrunde auf der Terasse: Wolf Schneider und 7 Bewohner
Männerrunde im Connectionhaus, wir sprechen über Mike

Das Thema ist nun schon mehr als drei Monate alt. Wir haben mit Mike vieles versucht: In der WG stehen sieben gegen einen, dagegen müsste er doch eigentlich, in dieser Minderheit von 12.5 %, machtlos sein. Da seine Drohungen jedoch die von ihm erwünschte Wirkung zeigen, sie schüchtern seine Mitbewohner ein, funktioniert das System für ihn ja einigermaßen. Ich habe als Senior und Hausverwalter agiert in einer Rolle, die Mike ansonsten respektiert – nur nicht in punkto seiner Gewaltandrohungen in der WG. Er hat sozialen Druck erhalten und immer wieder Ermahnungen, dass er so nicht weitermachen könne. Inzwischen sind zudem vom Landratsamt seine Bezüge gekürzt worden, aber da er sich im Haus sein Essen zusammenstiehlt, berührt ihn das nicht weiter. 

Ich habe hierzu immer wieder Gespräche mit der WG. Die sieben von ihm Bedrohten sind immer noch verängstigt. Inzwischen wollen einige weg von hier, ausziehen, woanders hin, notfalls weg von Deutschland. Sie sind aus ihrem eigenen Land vor der dortigen Gewalt geflohen, nun haben sie hier wieder einen Gewalttätigen vor der Nase, wozu sind sie dann überhaupt nach Deutschland gekommen, fragen sie sich. Im Gespräch verweisen sie mich darauf, dass in Afghanistan ein Übeltäter wie er vom Clan der betroffenen Familien verprügelt worden wäre, sowas würde funktionieren. Heute erwähnten sie sogar, dass einem mehrfachen Dieb gemäß der Scharia die Hand abgehackt wird. Gruselig. Eigentlich wollen sie das nicht, und sie werden es hier in Deutschland auch nicht tun oder gutheißen, aber die Erschütterung über die Hilflosigkeit der hiesigen Strukturen gegenüber einem Übeltäter wie Mike ist sehr zu spüren und kratzt stark am positiven Bild, das sie alle von Deutschland eigentlich haben. 

Den Übeltäter outen

Ich habe ihnen deshalb den Vorschlag gemacht, Mike in meinem Blog zu ‚outen‘. Wie fändet ihr das? Teils verhaltene Reaktionen, teils Freude. Und was würde das bringen? Ich antwortete: Wenn Mike eine Arbeit sucht (alle diese Jungs wollen Arbeit) oder wenn er in einer neuen WG, in die er versetzt werden könnte, dasselbe Terrorregime aufzuziehen versucht, braucht man nur seinen Namen zu googeln und findet dann seine Vorgeschichte. Heutige Arbeitgeber tendieren immer mehr dazu, die Namen der Bewerber für einen Arbeitsplatz vorab zu googeln. Auf die Art bekäme Mike keinen Job. Da kam schadenfrohes Lachen von einem in der Runde, die anderen grinsten oder schauten angespannt ausdruckslos. Eine Woche später fragte ich nochmal nach: Wollt ihr das? Ja, sie wollen es. Es ist eine Art des »an den Pranger« Stellend, was ich da mache, eine im Mittelalter praktizierte Methode, aber vielleicht hilft sie in diesem Falle. Nicht wegen der Schadenfreude seiner Mitbewohner oder um ihn für seine Schandtaten zu bestrafen, tue ich das, sondern aus den folgenden zwei Gründen: 

Erstens wird durch die Beschreibung ein Wirkmechanismus sichtbar, der vermutlich auch an anderen Stellen im Land und auf der Welt auftritt und, so beschrieben, leichter behandelbar ist. Zweitens könnte Mike auf diese Veröffentlichung hingewiesen werden und ihm angeboten werden, das wieder zu löschen, wenn er sein Verhalten ändert. Es erwartet zwar keiner, der Mike kennt, dass er sein Verhalten ändern wird, aber wer weiß. Ich finde, dass man einem Übeltäter immer die Chance geben sollte, sein Verhalten zu ändern: Strafe als Korrekturmaßnahme, nicht als Rache. 

Lust am Dominieren

Hier nun das Foto von Mike (ich habe es gerade gelöscht, und ebenso seinen offiziellen Namen, heute, am 23. 6. 16). Ich habe von ihm die Zustimmung zur Veröffentlichung bekommen (von allen anderen im Haus übrigens auch). Das war zwar zu einem anderen Anlass, aber ohne Einschränkung. Angeblich ist er 1994 geboren, er ist also jetzt circa 22 Jahre alt. Das Geburtsdatum zählt in Afghanistan traditionell nicht als wesentliches Kriterium der Identität; die meisten der Afghanen, die hierher kommen, wissen es nicht einmal und geben auf Befragen den deutschen Behörden den 1. Januar das Jahres an, in dem sie (vermutlich) geboren sind. Mike kommt aus dem Südosten von Afghanistan. Er hat Geschwister, und seine beiden Eltern leben noch. Nach dem, was er mir erzählt hat, kommt er aus einer im üblichen Sinne intakten Familie, die nicht ungewöhnlich viel Gewalt erlebt hat. Irgendwo hat er sich eine Hepatitis zugezogen, man sieht es an seinen Augen, sie ist noch nicht ausgeheilt. 

Mike ist kräftig, gut durchtrainiert, mit schnellen Bewegungen und in der Begegnung mit Menschen ohne Taktgefühl für angemessene Distanz, man hat da schnell das Gefühl, ihn ‚im Gesicht‘ zu haben. Psychotherapeutisch geschulte Augen sehen in ihm das verletzte Kind, das sich irgendwann mal geschworen hat, sich nie wieder verletztlich zu zeigen, vielleicht ausgelöst durch eine frühe Missbrauchserfahrung. Der Aufwand, den er betreibt, um körperliche Überlegenheit zu demonstrieren ist immens, ebenso die Risiken, die er dabei eingeht. Die Lust am Dominieren ist ihm anzusehen, zugleich auch die Angst, in eine Situation zu geraten, in der er sich als unterlegen erweisen könnte. Als neulich seine ganze WG zum Asyl-Gespräch nach Deggendorf eingeladen war (sie wurden sogar im Kleinbus hier abgeholt), verdrückte er sich, weil »er Angst hatte, sie könnten ihn dort festnehmen«, mutmaßte einer seiner Mitbewohner. 

Das kleinere Übel wählen

Wenn man nicht der direkt von ihm Bedrohte ist, fällt es nicht schwer, mit Mike Mitleid zu haben. Wie auch immer sein Psyche gebaut ist und wie schwer auch immer seine Kindheit gewesen sein mag – er darf er hier kein Terrorremime errichten, auch wenn es in diesem Fall nur das Bedrohungsszenario eines Psychopathen in einer WG ist. Die strukturelle Ähnlichkeit mit dem, was »da draußen in der großen Politik« vorgeht, finde ich erstaunlich und bemerkenswert. Mein Part als derjenige, der hier Mikes Bild und die Geschichte dazu an die Öffentlichkeit bringt, ist mir dabei nicht angenehm. Die Fortsetzung seines Regimes in der WG aber wäre mir noch unangenehmer. 

Update 23.6.

Diesen Blogeintrag habe ich am 5. Juni geschrieben. Heute, am 23. Juni, habe ich hierin ein paar Veränderungen gemacht und zu dem Eintrag selbst einen Kommentar geschrieben (siehe weiter unten), der die aktuelle Situation beschreibt und die Gründe für die Veränderungen nennt.

— Zuerst erschienen auf connection.de