Die Würde des Menschen…

Anfang März war der Autor, Musiker und Maler Christian Salvesen bei uns im Connectionhaus Er ist ein langjähriger Kenner der spirituellen Subkultur in Deutschland und nahm an dem Sufi-Event mit Sheik Ingo Taleb Rashid teil. Sein Fazit: Die Würde des Menschen… ist ausbaufähig. Hier ist sein Bericht.

»Jeder Mensch wird von Gott geliebt, so wie er ist, unabhängig davon, welcher Religion er angehört, oder ob er überhaupt eine Glaubensrichtung vertritt. Wir sind hier zusammen, um uns in der inneren Stille zu erfahren, in Frieden und Offenheit.« Der Sufi-Sheik aus dem nahegelegenen Halfing im Chiemgau spricht ruhig und ohne Pathos. Wir sitzen im Kreis. Acht junge Afghanen, eine syrische Familie und die deutschen Teilnehmer an diesem Sufi-Abend. 

Es ist ein erster Schritt zur Integration der insgesamt 16 Asylbewerber, die seit ein paar Wochen hier im Connection-Seminarhaus wohnen. Der Gründer und Leiter des Hauses, Wolf Schneider, möchte über die übliche karitative Versorgung der Flüchtlinge hinaus eine »transkulturelle Verständigung« erreichen. Es soll eine Atmosphäre der Toleranz und gegenseitigen individuellen Würdigung entstehen.

Wie stehen wir zum Islam?

Die meisten der Menschen, die in Europa und vor allem in Deutschland Asyl suchen, sind Moslem. Wie im Christentum gibt es auch im Islam unterschiedliche Ausrichtungen, wobei sich die beiden größten Gruppen, die Sunniten und Schiiten, heute wieder besonders heftig bekämpfen. Angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge und der Tatsache, dass radikale, fundamentalistische Gruppierungen wie der IS oder die Salafisten in möglichst vielen Ländern einen islamischen Staat einrichten wollen, wächst hierzulande die Angst, von etwas Fremdem überrollt zu werden. 

Der Islam ist uns kulturgeschichtlich einerseits näher als etwa der Hinduismus oder Buddhismus. Immerhin bezieht er sich im Kern auf die Bibel. Andererseits gab es seit seinen Anfängen im 7. Jahrhundert immer wieder heftige kriegerische Zusammenstöße zwischen Moslem und Christen. Lessing und Goethe warben für Toleranz, Schopenhauer hielt den Islam für »die dümmste aller Religionen«. Auch wenn oder gerade weil immer noch unbekannt, ist der Islam in jüngster Zeit vielen geradezu unheimlich geworden. Er erscheint ihnen als Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Werte-Ordnung und speziell eines Lebens, in dem sich Frauen ohne Angst frei in der Öffentlichkeit bewegen. 

In seinem aktuellen Buch »Mein Islam« gibt der Blogger Amir Ahmad Nasr – hochgelobt in den großen US-Medien wie etwa der »New York Times« – Einblicke in muslimisches Denken und Empfinden. Er hat mit seinem Blog »The Sudanese Thinker« die revolutionäre Bewegung des Arabischen Frühlings unterstützt, vielleicht sogar vorangetrieben. Im Prolog seines Buches schreibt er: »Als Kind liebte ich einige Zeit lang einen wunderschönen, spirituell befreienden, mystischen Islam. Später lernte ich einen anderen Islam kennen, der aber eng damit verknüpft war. Er befahl mir, dass ich an bestimmten Glaubenssätzen festhalten musste, weil ich sonst für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren würde. Und er stellte eine hohe, beengende Mauer zwischen mich und die magische Neugier und das freie imaginative Denken, das ich als Kind so liebte.« 

Das trifft womöglich auf uns alle zu. Vielleicht nicht so krass mit der Androhung von Höllenqualen. Aber ist das Mystische, das Staunen, die Offenheit nicht ein Merkmal des Kindes? Und werden nicht zwangsläufig die Regeln des Glaubens, Gehorchens und Gewinnens darüber gestülpt – von wohlmeinenden Eltern, Erziehern, Priestern und Imamen? 

Der mystische Islam

Unser Sufi-Sheik möchte in der Runde den unschuldigen Geist des Kindes wiedererwecken. Das geht kaum mit Predigt oder Diskussion. Er und sein Begleiter Andreas nehmen eine Rahmentrommel zur Hand und beginnen einen sanften, gleichmäßigen Rhythmus. Wir skandieren die Silben »Ja-Hey«, und zu diesem einfachen Chor singt der Sufilehrer eine Melodie, wie mir scheint spontan improvisiert, ob mit Fantasieworten oder in Arabisch, das kann ich nicht beurteilen. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die hübsche May, die sich als Syrerin vorgestellt hat. Sie kichert. Warum? Ist ihr diese Zeremonie zu übertrieben? 

Die acht Afghanen und die deutschen Teilnehmer machen gut mit. Einer der Afghanen bringt sich besonders intensiv ein. Er scheint fast in Ekstase, wie er da tief atmet und stöhnt. Der Sufi erzählt, dass er im Irak aufgewachsen ist und etliche Familienangehörige ermordet wurden. Er habe als Junge auch Syrien besucht. Er wisse, wie schwer es sei, sich in einem fremden Land zurecht zu finden. Dann leitet noch zu zwei weiteren gemeinsamen Gesängen und Tänzen aus der Sufitradition an. 

Die Stimmung in der Gruppe scheint mir friedlich. Allerdings ist die Kommunikation durch die unterschiedlichen Sprachen behindert. Ein Afghane übersetzt, was Rashid auf Englisch sagt, ins afghanische Pashto. Davon verstehen die Syrer nichts. Sie sprechen arabisch, aber auch etwas Englisch. Wir tanzen Körper an Körper im Kreis und besingen die Liebe Allahs, the love of Allah. Der junge Afghane, Mike lässt er sich nennen, der zuvor so intensiv mitgemacht hatte, beschwert sich nun lautstark über irgendetwas mit »Allah« und »love«. Schließlich wird klar, dass er »laugh« meint. Wir sollen in Verbindung mit Allah nicht lachen, sagt er, und sein Blick ist dabei deutlich wütend auf May gerichtet.

Zusammensein

Nach 22 Uhr klingt er Abend aus in der Gemeinschaftsküche vom Connectionhaus. Wir sind eine kleine Gruppe. Von den Asylanten ist nur die entzückende und aufgeschlossene May dabei. Sie setzte sich von Syrien aus über eine Facebook-Gruppe mit über 100.000 Freundinnen für die Rechte der Frauen ein und tut das weiterhin. 

Am nächsten Morgen spreche ich mit den Afghanen, doch nur drei sind dazu bereit. Rahmad, der bisher meist übersetzt hat, führt mich in das Zimmer, in dem der blinde Arshad und sein jüngerer Bruder Kashif wohnen. Sie wollen mit mir reden. Nur sie beide kennen sich hier von früher, alle anderen kommen aus verschiedenen Provinzen und haben sich zuvor nie gesehen. 

Afghanistan wird wohl zu jenen (sicheren Herkunfts-) Ländern erklärt werden, wohin die Flüchtlinge zurückgeschickt werden können. Doch diese jungen Menschen haben unglaubliche Strapazen auf sich genommen, um hier in Deutschland wenigstens vorübergehend leben zu können. Es gibt in Afghanistan nicht nur die bösen Taliban und die guten Demokraten. Dieses Land ist seit dem 19. Jahrhundert immer wieder aus strategischen Gründen attackiert worden, erst vom Westen, dann auch von Russland, stets mit verheerenden Verlusten für beide Seiten. 

Arshad und Khashif sind aus Angst vor den Taliban aus ihrem Land aufgebrochen, in Deutschland sehen sie eine gute Zukunft. Ein Problem an Niedertaufkirchen sei, dass die nächsten Einkaufsmöglichkeiten weit weg sind – in Neumarkt St. Veit, das ist 6 km entfernt. In der Gemeinschaft hier fühlen sie sich gut. Nur der in religiösen wie auch weltlichen, d.h. den gemeinsamen Haushalt betreffenden Dingen recht diktatorisch auftretende Mike macht ihnen Angst. Sie haben ihn bereits damit konfrontiert. 

Die Syrer

Ein Stock tiefer wohnt eine vierköpfige afghanische Familie, die gerade einige Tage in München ist, und die Gruppe aus der syrischen Stadt Homs: der 67-jährige Ali, seine Tochter May (27), deren Cousin Maxem (40) und der neunjährige Zain, Alis Enkelsohn. Die Mutter ist noch in Syrien. Zain geht in die 2. Klasse der Grundschule in Niedertaufkirchen, wo er sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Seine großen Augen schauen meist stumm und wie mir scheint traurig ins Weite. Ob er traumatisiert ist? Wir sitzen im gut geheizten Zimmer der Familie, die mich überaus herzlich begrüßt und zum Tee eingeladen hat. Auch hier hapert es etwas an der Verständigung auf Englisch. May übersetzt öfter ins Arabische, und es gibt längere Wortwechsel in dieser mir unbekannten Sprache. 

Zunächst frage ich nach den positiven Aspekten. Was wünscht ihr euch hier? Sie wollen in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Ali war Klempner, Maxem Innenarchitekt und Dekorateur, und May möchte wieder als Bankkauffrau arbeiten und zugleich studieren. Sie ist voller Energie. »Wenn ich so viel Zeit habe wie hier, kann ich nicht richtig kreativ sein. Mir fehlt der Ansporn.« Das Landratsamt hat ihnen mitgeteilt, dass sie frühestens nach drei Monaten in Deutschland arbeiten und sich nur in Bayern frei bewegen dürfen. Zumindest stehen ihnen hier Fahrräder zur Verfügung. 

Als im Herbst die Bomben auf Homs hagelten, sind sie über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Gut einen Monat waren sie mit vielen anderen in einer großen Turnhalle im nicht weit entfernten Waldkraiburg untergebracht. Der Anlass für ihre Flucht waren noch weitere Gründe: Immer mehr Menschen – darunter auch Bekannte und Verwandte aus ihrer Straße – wurden und werden von Unbekannten entführt und nur gegen ein Lösegeld freigegeben. Es entstand dort eine Art Mafia entstanden, die damit Geld verdient. Die Wirtschaft ist in Syrien zusammengebrochen, dass es für den Handwerker Ali keine Arbeit mehr gab. Und schließlich: Ali und seine Familie gehören zu den Alawiten, einer gemäßigten, eher weltlichen Richtung des schiitischen Islam. Sie wurden von den Sunniten im Lande massiv als Ungläubige beschimpft und bedroht. 

»Wir sind nicht für Assad. Aber er ist immer noch besser als die Islamisten, denn die wollen den Islamischen Staat«, sagt May, und ihr Vater nickt. Er steht dazu, ein »Ungläubiger« zu sein. Sie würden aus dem Islam austreten, doch darauf steht die Todesstrafe. »Viele denken wie wir«, sagt May, »sie trauen sich nur nicht, das offen zu sagen.« 

Die Würde des Menschen

Ich frage, ob sie schon einmal das Wort »Grundgesetz« gehört hätten. Eigentlich sollte es ihnen erklärt worden sein. Auf youtube gibt es eine ansprechende Erläuterung, leider bisher nur auf Deutsch. Sie haben davon noch nichts gehört. Und mir fällt nicht einmal das englische Wort für »Grundgesetz« ein. Auch mit dem ersten Artikel: »Die Würde des Menschen ist unantastbar« komme ich nicht so recht durch. Würde? Dignity? Kopfschütteln. Freiheit? Freedom? Ja. Ich erkläre: Jeder darf hierzulande tun, was er für richtig hält, das gilt ebenso für Frauen. Nur sollte man/frau keinen anderen dabei schaden oder in seiner Freiheit einschränken. May versteht das sofort. In Syrien darf sich jeder öffentlich zu jeder Religion, auch zum Atheismus bekennen, sagt sie. Er darf nur nicht andere Religionen kritisieren, auch nicht die Regierung. Und das war ja wohl der Anlass für die ersten Demonstrationen 2011, die dann den katastrophalen Bürgerkrieg ausgelöst haben.

Mit ihren Nachbarn, der afghanischen Familie, kochen sie gelegentlich zusammen in der Gemeinschaftsküche ihrer Wohnung. May hat die anfangs verschleierte, äußert schüchtern auftretende Ehefrau und Mutter dazu ermutigt, ihr Kopftuch abzulegen und die vollen langen Haare frei fallen zu lassen. 

Dies ist kein Film

Wir sind wie immer auf der Reise in eine ungewisse Zukunft. Einen der Bewohner traf ich später noch auf dem Bahnhof, er wollte weiter nach Mühldorf. Unternehmungslustig? Ruhelos? Getrieben? Es sagt sich so leicht, dass das ein Abenteuer ist. Doch dies ist kein Film mit Harrison Ford als Indiana Jones. Für uns Deutsche geht es darum, vom Fernsehen zur Wirklichkeit zu kommen und einmal selbst Flüchtlingen zuzugehen und sich auf sie einzulassen. Man findet sie ja überall, und wenn man sie anspricht, sind sie meist sogar bereit, mal von ihrem Handy aufzublicken. 

 

Christian Salvesen, www.christian-salvesen.de.

Am 8. Juli kommt Rashid wieder ins Connectionhaus, diesmal zu einem Ein-Tages-Workshop.

Und hier noch der Hinweis auf das oben erwähnte Buch von Amir Ahmad Nasr. Es trägt den Titel »Mein Isl@m: Bloggen für die Freiheit« und ist im April bei Aurum in der J. Kamphausen Mediengruppe erschienen.

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