Mays Flucht

»›Wenn du schreibst, töten wir dich‹, sagten die Verfolger. Sie aber schrieb weiter.

Als ich dieses Blog begann, wollte ich viel. Ich wollte nicht nur beschreiben, wie es für mich ist, mit Flüchtlingen zu leben, sondern mindestens ebenso sehr wollte ich die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen lassen. Das hat sich als schwieriger erwiesen als ich dachte. Da ist zum einen die Sprachbarriere, das war zu erwarten. Zum anderen zögerten die Flüchtlinge auch dann, ihre Geschichte zu erzählen, wenn ein Übersetzer da war oder sie leidlich Englisch sprachen. Sie hatten die Geschichte ihrer Flucht und die oft sehr komplexe Vorgeschichte, wie es dazu kam, noch nicht innerlich verarbeitet und fürchteten außerdem, sich damit zu exponieren. Der Bericht könnte in falsche Hände kommen, auch das war eine Befürchtung. Zu oft hatten sie erlebt, dass ein Erzählen dessen, was wirklich geschehen ist, mehr Nachteile als Vorteile bringt. Manchmal riskiert man damit sogar das eigene Leben. Dann schweigt man besser. Die hierzulande so viel gepriesene »offene Kommunikation«, in vielen anderen Ländern kann sie Gesundheit, Besitz und sogar das leibliche Leben kosten, das eigene und das der Verwandten. 

Die 26-jährige May ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Sie ist sehr mutig, und ihr Mut und Einsatz für Frieden und Frauenrechte wird von Seiten ihrer Familie in phänomenal großzügiger Weise unterstützt. Zusammen mit ihrem neunjährigen Neffen Zain, ihrem Vater Abdo, ihrem Cousin Maksem und einer kleinen afghanischen Familie lebt May seit Januar im Connectionhaus, in der Wohnung, wo ich mehr als zehn Jahre lang selbst wohnte und die Zeitschrift Connection herausgab. 

Die Überfahrt

Im November 2015, das ist jetzt etwas mehr als ein halbes Jahr her, floh die vierköpfige syrische Familie über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland. May erzählt mir das auf Englisch, Deutsch kann sie noch kaum, wie sie nachts mit einem kleinen Schlauchboot die Ägäis überquerten, der gefährlichste Teil ihrer Flucht. Sie waren mit dem Flugzeug nach Izmir gekommen und dort in einem Hotel abgestiegen. Schon kurz nach Ankunft bekamen sie auf der Straße Angebote, sie rüberzubringen, nach Griechenland, man sah es ihnen ja an, dass sie hier fremd waren und aus Syrien kamen, wie so viele. May hatte über ihren Bruder jedoch bereits eine Handy-Nummer von einem Schlepper, der mal einen ihrer Verwandten rübergebracht hatte, deshalb vertraute sie der Nummer. Der Kontakt kam zustande. Als Maksem und May aber die Leute sahen, die da die Überführungen organisierten, trauten sie ihnen nicht. Sie sahen aus wie Mafiosi, sagt May. Als die Schlepper merkten, dass die Familie zögerte, lud einer von ihnen mit netter Stimme – alles das spielte sich auf Arabisch ab – May zu einem Spaziergang ans Meer ein und deutete dabei an, er würde sie kostenlos rüberbringen. May wusste, das flüchtende Frauen immer wieder an Zuhälter verkauft werden, deshalb verzichtete sie auf diesen Spaziergang und machte sich anschließend für die weitere Flucht unscheinbar: »I made myself ugly«, sagt sie, was für May heißt, sie verdeckt ihr Haar mit einem Kopftuch, schminkt sich nicht mehr und versucht auszusehen wie eine brave, folgsame Sunni-Moslem-Frau.  

»Als wir nachts von Schleppern zu dem kleinen Schlauchboot geführt wurden, das uns über die Ägais bringen sollte, hatten wir alle Angst. Maksem und Abdo können schwimmen, ich aber kaum und Zain gar nicht, erst recht nicht nachts auf dem offenen Meer.« Die Schlepper verfrachteten nun vierzig Syrer in das kleine Schlauchboot, erzählt Mays Cousin Maksem weiter. Keiner der Schlepper wollte es steuern, stattdessen erließen sie einem der Insassen die Überführungsgebühr und zeigten ihm die Bedienung des Außen

Die zweite Nacht nach der Ägäis-Überquerung, Ende November. Von li nach re: Samir (ein Druse aus Syrien, den sie auf der Flucht trafen), Maksem, Abdo, Zain und May
Die zweite Nacht nach der Ägäis-Überquerung, alle sind glücklich und müde. Von li nach re: Samir (ein Druse aus Syrien, den sie auf der Flucht trafen), Maksem, Abdo, Zain und May

bordmotors. Das Boot hatte kein Licht, und alle wurden ermahnt ihre Handys auszuschalten, um nicht von der türkischen Küstenwache entdeckt zu werden. Sie hatten Glück mit dem Wetter, das Meer war ruhig. Nach etwas mehr als einer Stunde im Dunkeln sahen sie drüben, auf der griechischen Seite, Lichter. Helfer aus aller Welt warteten dort, bereit, ankommende Flüchtlinge aufzunehmen. Mit starken Scheinwerfern hatten sie das Meer abgesucht, und wenn ein Boot ankam, wurden die Flüchtlinge herzlich empfangen – für sie war es ein Ankommen im Paradies. 

800 bis 1200 Euro pro Person kostet die Überfahrt per Schlauchboot, erklärt Maksem. Sie haben 900 € pro Kopf bezahlt, und nochmal 50 € für jeden, um erst nach der Überfahrt, nach dem ‚Erbringen der Leistung‘ zahlen zu dürfen, sonst könnte ja der, dem sie das Geld geben, damit schnurstracks verschwinden, man kennt sich ja nicht. Wer den Schlauchbooten nicht traut und für die Überfahrt ein Holzboot will, zahlt mindestens 2.000 € pro Person.

Mays Bruder wird angeschossen

»Warum habt ihr das gemacht? Warum habt ihr alle diese Strapazen und Gefahren auf euch genommen?«, frage ich May. Ich weiß ihre Antwort schon, aber für diesen Blogeintrag erzählt sie es nochmal, aufs Wesentliche verdichtet: »Bis 2011, als bei uns der Bürgerkrieg begann, hatten wir in Syrien ein gutes Leben. Kulturen und Religionen vermischten sich, man akzeptierte einander. Christen, Muslime und Juden lebten wie Geschwister und Freunde zusammen; welcher Religion jemand angehörte, spielte kaum eine Rolle. Ich habe in Homs gelebt. Was in aller Welt ‚arabischer Frühling‘ genannt wurde, für uns war es der Beginn eines harten Winters.

In unserer Familie begann das Unglück damit, dass sie meinen älteren Bruder Firaz töten wollten. Im November 2011 drangen sieben bewaffnete Männer in das Büro von Firaz in Homs ein. Er lebte dort als Händler von Make up und anderen Schönheitsartikeln für Frauen. Sein Geschäft lief gut, er konnte sich was leisten, und er gehörte den Alawis an (Anm.: Die Alawis sind eine von den Sunni-Hardlinern verhasste ethnisch-religiösen Gemeinschaft, der auch die regierende Familie Assad angehört). Sie versuchten ihn zu entführen, um von seiner Familie Lösegeld zu erpressen. Firaz aber wehrte sich. Er wollte lieber sterben, als sich von diesen Männern entführen und malträtieren zu lassen. Firaz war unbewaffnet, aber er ist körperlich sehr stark. Weil es den Männern nicht gelang, ihn mitzunehmen, begannen sie auf ihn einzuschreien und ihn zu beschimpfen, dass er Alawi sei und nun sterben müsse, weil er den Islam verlassen habe. ‚Du bist kein Muslim, du bist genauso wie Assad‘, schrien sie, und dann schossen sie. Die erste Kugel durchschlug Firaz‘ Mund und seine rechte Wange. Blut quoll aus seinem Mund. Sie dachten, er würde sterben und ließen ihn liegen. Wie zum Spaß verschossen sie noch weitere acht Kugeln, eine davon blieb in seinem Oberschenkelknochen stecken. Die daraus enstehende Entzündigung hätte fast dazu geführt, dass sein Bein amputiert werden musste.«

Firaz überlebt

Firaz
Mays Bruder Firaz

»Wie du weißt, hat er überlebt,«, sagt May mit einem Lächeln. Firaz hat uns nämlich vor ein paar Wochen besucht und überlegt, hier einzuziehen. Er sieht körperlich voll regeneriert aus und hat so eindrucksvolle Muckis, dass wir anfingen darüber zu witzeln, dass Mike dann nicht mehr so rumbossen könne, wenn Firaz hier einziehen würde. Firaz’ Glück war, dass er, noch in der Blutlache liegend, dort von einer loyalen Mitarbeiterin gefunden wurde, die sofort die Ambulanz anrief, und dass er dann im Krankenhaus gut behandelt wurde. »Das Krankenhaus war den Sunni-Extremisten jedoch ein Dorn im Auge«, sagt May. »Sie drohten der Regierung es zu sprengen, deshalb haben wir Firaz erst nach Hause geholt und ihn dann in ein Krankenhaus nach Damaskus gebracht. Dort zogen wir dann auch selbst hin, um ihn zu betreuen, und weil es dort sicherer ist. In Damaskus musste er wegen seines Beins noch monatelang im Krankenhaus bleiben. Mit der Kugel in seinem Kopf jedoch hat er Glück gehabt, bis auf einen Großteil seiner Zähne haben sie nichts zerstören können. Man sieht jetzt fast nichts mehr.«

Mays Einsatz für Frauenrechte

Dann komme ich auf Mays eigene Gefährdung zu sprechen. Auch sie war ja bedroht worden. »Ich habe im Libanon zwei Jahre Recht studiert, deshalb empfand jeder in meiner Familie, es sei meine Pflicht, dass ich mich für Frauenrechte einsetze. Und auch ich selbst finde das sehr wichtig.«

Man sieht es ihr an, wie wichtig ihr das ist. Sie glüht geradezu, wenn sie darüber spricht, ihre Augen funkeln, und manchmal wird sie dabei sehr wütend. »Ich habe darüber schon immer auf meiner Facebookseite geschrieben: über das Leiden der Frauen im Mittleren Osten und wie sie dort leben. Ich finde, dass jede Frau über sich selbst sprechen sollte. Die meisten aber schweigen, weil sie Angst haben vor ihrer eigenen Gemeinschaft. 

Für mich hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass ich aus einer anderen Religion komme, von den Alaviten. Diese Religion hat den Islam schon vor langer Zeit verlassen. Einige Moslem-Männer sagten, ich würde Frauen auffordern, den Islam zu verlassen, aber ich habe nur von der menschlichen Seite gesprochen, nicht von der religiösen.«

»Wenn du schreibst, töten wir dich«

May hatte auf Facebook viele Fans. Die dort maximal erreichbare Zahl von 5000 Freunden erreichte sie mir ihrer Botschaft schnell. »Weil ich öffentlich schreibe, gingen sie so hart mit mir um. Die religiös Militanten sagten, sie würden mich töten, wenn ich weiter schreiben würde. Sie telefonierten mich an, um mir zu sagen, dass sie alle in meiner Familie observieren würden. Falls ich weiter schreiben würde und sie mich nicht kriegen würden, dann würden sie meine Familie töten. Auch ich selbst wurde weiterhin bedroht. Trotz all der Drohungen habe ich mit dem Schreiben nicht aufgehört.« 

Zwei Monate vor ihrer Flucht schloss May ihre Facebookseite, weil sie vor ihren Verfolgern Angst hatte und nicht wollte, dass sie ihrer Familie etwas antun. Aber auch danach drohten sie weiter. Schließlich entschloss sich May, mit ihrer Familie Syrien zu verlassen.

Sie hatte noch eine zweite Facebookseite, die sie damals nicht benutzte. Diese Seite benutzt sie, seit sie in Deutschland ist. Meist schreibt sie dort auf Arabisch, manchmal auch auf Englisch und erhält viel Feedback, teils auch von Al-Nusra- und IS-Leuten.

All das zu erzählen hat May sehr bewegt. Beim Sprechen darüber ist alles nochmal da, so als sei es erst gestern geschehen. Sie schaut mich mit ihren großen, dunklen Augen an, innerlich aufgewühlt, aber ungebrochen. Sie will weiterkämpfen für die Rechte der Frauen, und sie will mir noch viel mehr erzählen: von sich und von ihrer geschiedenen Ehe, in der ihr Mann sie geschlagen hatte. Von ihrem hochsensiblen Neffen Zain, den sie wie eine Mutter angenommen hatte, weil seine eigene Mutter ihn nicht mehr haben wollte – er wohnt jetzt bei uns im Connectionhaus. Von den Bedrohungen, die sie in Syrien erfahren hat und ihrer Vision, wie Menschen friedlich zusammenleben könnten. Mehr dazu bald in diesem Blog.

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Diskussion zu: Mays Flucht

  1. Danke! Bin bei euch und empfinde eine hohe Wertschätzung für Mays Engagement. Leider kann ich das meiste auf ihrer Webseite nicht lesen, da arabisch. Hoffe, ihr schreibt weiter an diesem Blog.

  2. Ich hab den Verdacht, dass der Bürgerkrieg in Syrien schon längst zuende wäre, wenn die USA und andere nicht die sogenannten „gemäßigten Rebellen“ unterstützen würden. Traurig, wie da mit Menschenleben gespielt wird.

  3. Danke für diesen Bericht, es hat mich sehr berührt ..was für eine starke und kluge Frau .. „Respekt“ ich wünsche May und ihrer Familie viel Kraft und mögen sie viele offene und herzliche Menschen treffen !!!

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