Wir schaffen das!

Alltag 

»Alle wissen inzwischen, dass die Deutschen Pünktlichkeit schätzen.

Nun sind es acht Monate, die ich hier im Haus mit Flüchtlingen lebe. Ein paar sind ausgezogen, einer ist dazu gekommen, gerade erst vor ein paar Tagen, der erste Afrikaner bei uns, aus Senegal. Kurz davor war ein Kongolese gebracht worden, mit dem konnte ich zu meiner Freude Französisch sprechen, aber schon wenige Stunden nach Ankunft wurde er wieder verlegt, ein Fehler der in vieler Hinsicht überforderten Verwaltung. 

Leben mit Menschen

Dieses Blog heißt »Leben mit Flüchtlngen«. Ich könnte es auch »Leben mit Menschen« nennen, denn was hier geschieht, hat nicht so viel mit der Tatsache zu tun, dass diese Menschen aus ihrer Heimat geflohen sind, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Wir teilen ein Haus miteinander, auch Arbeiten, mit einigen teile ich sogar eine Wohnung, und ich bin mir sicher, dass auch nach zwanzig Jahren, wenn wir uns irgendwo in der Welt wiedersehen, wir einander erkennen und ein gewisses Maß an Freundschaft geblieben sein wird. Nicht anders als mit Menschen aus der eigenen geografischen Heimat. 

Die Glühbirne

Als vor ein paar Tagen der Senegalese bei uns einzog, entdeckte ich, dass in seinem Zimmer am Wandlicht die Glühbirne fehlte. Zu blöd aber auch …. wer hat die nur rausgenommen? Verbrauchte Glühbirnen müssen die Bewohner selbst ersetzen, das ist nicht meine Aufgabe als Vermieter. Da hat wohl jemand aus einem der anderen Zimmer, als bei ihm die Glühbirne verbraucht war, sich schnell mal eine aus dem gerade unbewohnten Nachbarzimmer geholt. Leicht verstimmt holte ich eine Glühbirne aus meinem Vorrat, es war ja nicht die Schuld des Neuankömmlings, dass da eine Birne fehlte. Dazu musste ich allerdings alte Birnen testen, die herumlagen, dabei zersprang mir eine Lampenfassung, es dauerte vielleicht eine Stunde, bis ich endlich mit einer funktionieren Glühbirne ankam – gut so, denn es wurde draußen schon allmählich dunkel.

Dann entschied ich mich doch, das in der WG anzusprechen, der Afghanen-WG bei uns im Dachgeschoss. Ich wollte es nicht zu hoch hängen, es ging doch nur um eine Glühbirne. Mein Zuhörer, der sehr sprachgewandte Radl-Betreuer in der WG, aber war sehr offen dafür und fand es höchst angemessen, dass ich das ansprach. Er ist ein frommer Moslem und sehr zivilisiert im Umgang mit allen und allem. Er würde das den anderen gegenüber ansprechen, einfach so eine Glühbirne entwenden, das ginge nicht. Zum Schluss machte ich noch per Handbewegung einen Witz, dass bei uns Dieben ja nicht die Hand abgehackt würde, und es sei wirklich keine große Sache, aber doch ein bisschen unkorrekt. Er grinste – wir hatten schon Witze über die Scharia ausgetauscht. Zwei Stunden später kam »der Dieb« auf mich zu, offenherzig, ein bisschen reuevoll und doch freudig über die Art der Kommunikation. Er entschuldigte sich und sagte, er habe an den Tag nicht einkaufen gehen können und brauchte ein Glühbirne, er würde sie baldmöglichst beschaffen. Er: Sorry, ein bisschen zerknirscht tun, dann Freudestrahlen. 

Zusammen wohnen

Ich nun dabei, auch die Wohnung, die ich seit Januar bewohne, Zimmer für Zimmer an über Jobcenter betreute Flüchtlinge zu vermieten. Die Vorbereitungen dafür sind von komplizierter Bürokratie belastet und ziehen sich schon seit langem hin, hoffentlich mit gutem Ergebnis. Um meine vegetarische Küche als solche beizuhalten, werde ich dann die Großküche im EG benutzen, meine jetzige, sehr schöne Wohnküche werde ich (inshallah, falls es klappt) den syrischen Flüchtlingen überlassen. Zusammenleben mit Menschen habe ich ja lange genug üben können. Nun also mit Menschen, deren Sprache ich nicht spreche, und sie noch immer kaum meine. Aber es geht.

Kinder

zain-klein
Zain spielt gerne auf der Terrasse

Besonders nah sind mir die beiden Kinder, der neunjährige Zain, der inzwischen schon recht gut Deutsch kann, und der dreijährige Amir, der hier jetzt im dörflichen Kindergarten aufgenommen wurde.

Amir kommt oft zu mir, er redet dabei Dari, unterbrochen von ein paar Worten Deutsch oder Englisch, und spielt am liebsten ein fauchendes oder sich duckendes Tier. Wenn ich ihn fange oder kitzle quiekt er vor Vergnügen, sein helles Lachen ist wunderschön. Wenn ich was esse, probiert er auch gerne was mit. Grad hat er auf Dari gefragt, was ich das trinke und dann auf Deutsch in fragendem Tonfall »Wasser« gesagt. Nein, Tee sage ich, »Tschai«.

Der dreijährige Amir beim Ausprobieren meines Rasierapparates
Amir beim Rasieren

Als ich einmal beim Rasieren war, kam er zu mir ins Zimmer und wollte das dann auch gleich ausprobieren. 

Zeitbewusstsein

Im Winter möchte ich wieder für ein paar Monate auf La Palma sein, deshalb suche ich jetzt doch noch (oder wieder) einen Hausmeister, der hier mietfrei wohnen kann, in meinem Zimmer oder sonst einem der Zimmer, wir haben hier noch einige frei. Ein deutschsprachiger Hausmeister oder Hausbetreuer wäre gut. Ich habe versucht, auf das Haus bezogene Aufgaben (Mülltonnen rausstellen usw) an Flüchtlinge zu übergeben, bin damit aber bisher nur bedingt erfolgreich. Als ein Hindernis dabei hat sich erwiesen, dass sie den Kalender kaum benutzen. Sie wissen nicht welcher Tag es ist und wie viel Uhr. Einige erlernen das deutsche Zeitgefühl schneller als andere, aber alle müssen sich anstrengen. Und alle wissen inzwischen, dass die Deutschen Pünktlichkeit schätzen.

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Diskussion zu: Alltag 

  1. „Als ein Hindernis dabei hat sich erwiesen, dass sie den Kalender kaum benutzen. Sie wissen nicht welcher Tag es ist und wie viel Uhr. “

    Erstaunlich! Ein Aspekt der Integration, den ich noch nie so formuliert gelesen habe.

    Vielleicht würde das Einführen gewisser Rythmen helfen? Mittwoches Plenum und dergleichen… aber das machst du sicher schon.

    Vielleicht auch mal überall Kalender aufhängen?

    Da ich alleine im Homebüro arbeite, passiert es mir ab und an mal, dass ich einen Tag „vergesse“ und es z.B. schon Donnerstag ist und nicht Mittwoch. Zum Glück ist das für meine Arbeit allermeist unwichtig…

  2. Hier kommt wohl garnichts mehr 🙁

  3. Doch, da wird noch was kommen. Aber die nächsten Wochen allenfalls was Kurzes. Vor allem aus zwei Gründen: Die Bürokratie, die die Unterbringung von Flüchtlingen erfordert, hat so überhand genommen, dass kaum noch Zeit für die Menschen bleibt und keine mehr für das Schreiben darüber, wie das Leben mit den Menschen ist. Der zweite Grund ist, das die Arbeit mit den Flüchtlingen ja eine ehrenamtliche ist. Ich werde dafür nicht bezahlt und muss mein Geld anderswie verdienen. Das tue ich zur Zeit mit einer Übersetzung eines dicken, anspruchsvollen Buchs. Abgabetermin 12. Dezember. LG, Wolf

  4. Die Erfahrung mit dem Kalender mache ich auch: nach vielen Monaten konsequenter Kalendernutzung und immer wieder darauf hinweisen, dass meine Termine im Kalender zu finden sind, stellen sich erste, zaghafte Erfolge ein.
    Dazu passt auch, dass nahezu alle Absprachen bzgl. Termine als äusserst unverbindlich betrachtet werden u. wenn der Termin ansteht, ein großes Erstaunen eintritt, dass das tatsächlich ernst gemeint war. Ein „Mittel“ dagegen sind bei Einzelterminen Zettel für den Betreffenden, auf dem der Termin genau vermerkt ist – mit Abfahrtszeit. Bei Gruppen müssen sich alle, die dabei sein wollen, in eine Liste eintragen – das schafft Verbindlichkeit und funktioniert relativ gut.

  5. Freue mich auf den nächsten Beitrag!

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