Macht und Ohnmacht der Flüchtlingshelfer 

»Als Helfer erreicht man allenfalls Linderung und Schadensbegrenzung, und die Bürokratie ist erdrückend.

Nun lebe ich hier im Haus seit anderthalb Jahren mit 15 bis 20 Flüchtlingen aus vier verschiedenen Regionen der Welt, habe diese Webseite gegründet, um von unserem Zusammenleben zu berichten und habe doch schon eine gefühlte Ewigkeit lang hier nichts mehr reingeschrieben. Außer kürzlich dem Eintrag über ein schönes Erlebnis mit dem zehnjährigen Zain, der beim Hören eines Vortrags von Eckhard Tolle so auffällig ruhig wurde. 

Zu den Gründen für mein Schweigen zum Flüchtlingsthema gehört, dass ich Geld verdienen muss, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Ich bin ja nun, nach der Verlagszeit mit Connection ein Freelancer geworden und ohne Rücklagen. Ich kann nicht mehr als zwei bis drei Stunden pro Tag in ein ‚Ehrenamt‘ investieren, alias in eine unbezahlte Tätigkeit, die nicht nur entspannend ist. In dieser Zeit habe ich, entgegen meinen Plänen, mehr direkt geholfen als zu schreiben. Was in unmittelbarerer Weise erfüllend ist. Aber vielleicht auch, weil das Schreiben mich mit Wahrheiten konfrontiert hätte, die ich lieber noch ein Weilchen verdrängen wollte. Es hat sich nämlich mit der Zeit in mir eine gewisse Frustration breitgemacht über das, was man als Flüchtlingshelfer überhaupt tun kann. 

Über die Gründe für diese Frustration möchte ich jetzt ein paar Zeilen schreiben. Ich könnte ein ganzes Buch füllen mit einer detaillierten Kritik an den Umständen der Flüchtlingshilfe in Deutschland und was man dabei so erlebt, plus meinen Lösungsvorschlägen zu den hierbei auftretenden Problemen. Aber wer will das schon wissen? Zweitens weiß ich nicht, wer mich dafür bezahlen würde, denn auch ein solches Schreiben, wenn es denn sachlich korrekt und von der Themenauswahl her fair balanciert sein soll, ist Arbeit. Also lieber kurz und bündig, hier im Blog, eine Zusammenfassung.

Die Bürokratie

Das erste Hindernis bei der Flüchtlingshilfe ist die Bürokratie. Mehr als die Hälfte unserer Zeit, die wir für die Flüchtlinge einsetzen, verschwenden wir Flüchtlingshelfer mit der Bürokratie. Warum gibt es diese so unsäglich komplizierten und gestelzt formulierten Anschreiben der deutschen Institutionen an die Flüchtlinge? Weil die Verwalter Angst haben. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen, deshalb sichern sie sich juristisch ab, bevor sie irgendetwas sagen oder tun. Telefonisch geht fast nichts, Behördenbesuche erfordern lange Wartezeiten an dem Ämtern, bis man dran kommt und vorgelassen wird, deshalb läuft das Wichtige per Anschreiben auf Papier, die per Papier-Post zugestellt werden (nicht mehr E-mail oder SMS), und diese Anschreiben werden von Juristen formuliert, die hoch bezahlt sind, kompliziert denken und lange brauchen, bis mal »ein Bescheid« rausgeht. Keiner der Bürokraten will wegen eines Fehlers von einem Kollegen angeschwärzt werden, gar seinen Job verlieren oder einen Karriereschritt verpassen. 

Viele der Bürokraten leiden selbst darunter, dass das so ist, nur wenige haben die menschliche Größe, sich darüber hinweg zu setzen oder zu kreativen Lösungen zu greifen. Viele geben auf, werden verbittert und/oder gehen in die innere Kündigung. So haben wir hier, trotz einigem gutem Willen, für alle drei Seiten eine kafkaeske Situation: für die Behördenvertreter ebenso wie für die Flüchtlinge und ihre Helfer. Das Obrigkeitsdenken ist mächtig präsent, im Dickicht der vielen Vorschriften und Regelungen ist alles irgendwie nur schwer durchschaubar und umständlich, so dass trotz viel Mitgefühl mit den Geflüchteten alle drei Seiten sich mehr oder weniger ohnmächtig fühlen und im Ausdruck ihrer direkten Menschenliebe eingeschränkt und behindert sind.

Alles Schikane?

Jeder Fan der grassierenden populären Verschwörungstheorien würde nun sagen: »Das ist doch so gewollt!« Es soll für die Flüchtlinge so kompliziert und menschlich entwürdigend sein, dass sie irgendwann entnervt aufgeben und freiwillig zurück gehen in ihr Land – und auch für die Helfer soll es so frustrierend sein, dass sie aufgeben. Das mag zum Teil so sein, aber nicht grundsätzlich. Wie schon oft gesagt, glaube ich nicht gerne an Bosheit, so lange Dummheit eine passable Erklärung für die Verhältnisse ist. 

Ich glaube, dass die politisch Regierenden, die Entscheidungsträger in unserem System, sich vor der Öffentlichkeit so positionieren wollen, dass »rechts von ihnen kein Platz mehr ist«, wie das F.J. Strauß das einst so famos zugab: Rechts von der CSU darf kein Platz mehr sein für eine weitere Partei, die der CSU Stimmen stiehlt. In den anderen Bundesländern dürfte es ähnlich sein. Heute geht diese Gefahr von der AfD aus, und erst recht jetzt, in den Monaten vor der Bundestagswahl, will man der Bevölkerung signalisieren, dass die Verwaltung tut, was sie kann, damit nicht noch mehr Flüchtlinge kommen. Demokratie kann so niederträchtig sein, so grausam für die Betroffenen. Sie ist jedenfalls kein Garant für das Regieren von Fürsorge und Menschlichkeit, und – bei allem Respekt für den Rechtsstaat – die Juristerei ist es auch nicht. 

Besser wäre Ursachenbekämpfung

Ein weiterer Grund für Frustration unter den Helfern ist, dass man als Helfer allenfalls Linderung und Schadensbegrenzung erreicht. Die Ursachen der Migration bestehen weiterhin, teils verschärfen sie sich noch. Deutschland ist weiterhin ein reiches Land, dessen weltwirtschaftliches Verhalten dazu beiträgt, dass Migrationsströme produziert werden. Man verausgabt sich hier also mit Symptombekämpfung und verliert allmählich den Glauben an den nachhaltigen Sinn all der guten Taten.

Nach dieser Klage nun ein paar Ideen dazu, wie es denn anders und besser laufen könnte, auch wenn der einzelne Flüchtlingshelfer natürlich nur bedingt imstande ist, etwas in diese Richtung tun zu können. Aber wir können den Mund aufmachen und unsere Erfahrung sprechen lassen. Wenn das viele von uns tun, wird sich etwas bewegen. 

1. Mut zum unbürokratischen Vorgehen

Die Bürokratie ist ein Monster. Diese Tatsache muss von Fall zu Fall immer wieder angesprochen werden und die Verwalter aufgefordert werden, die Einzelfälle »unbürokratisch« zu lösen. Dazu braucht es ein gereiftes mitmenschliches Fühlen, nicht nur ein klares Denken. Auch die Fähigkeit zur Abstraktion hilft. Bloß ein Formularausfüllberater für die Flüchtlinge zu sein, ist nicht nur eine Unterforderung unserer menschlichen Kompetenz, sondern demotivierend und geht in Richtung Entwürdigung. Man degradiert uns dadurch zu Untertanen, die vor allem dazu da sind, für die Einpassung der Menschen in ein kompliziertes Regelsystem zu sorgen. 

2. Grenzen sind nicht grundsätzlich schlecht

Die großenteils politisch linksliberal sympathisierenden Helfer sollten sich klar machen und diese Klarheit auch äußern, dass Grenzen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind – siehe John Lennons berühmtes Lied »Imagine«, das wunderschön ist, poetisch himmelstürmend, aber diese Tatsache ignoriert. Politische Grenzen sollten jedoch sinnvoll gesetzt sein und so »semipermeabel« wie eine Zellmembran. Diese Permeabilität zu steuern, das ist die Aufgabe der Politiker. Grundsätzlich sollten alle Menschen als Weltbürger betrachtet werden. Zur Zeit haben wir hier in Deutschland gerade mal keine Diktatur, wie gut, wir dürfen uns glücklich schätzen. Aber wer weiß wie es kommt, vielleicht müssen unsere Kinder oder Enkel irgendwann mal nach Syrien oder Afghanistan fliehen und würden sich dann freuen, wenn sie dort als Asylanten aufgenommen und so freundlich behandelt würden, wie ich als Tramper (»Transportbettler«) einst in diesen Ländern empfangen wurde.

3. Wirtschaftliche Not

»It’s the economy, stupid«, das war das Motto, mit dem Bill Clinton 1992 seine Wahl gegenüber George Bush senior gewann. Die Wirtschaft bestimmt darüber,  wer eine demokratische Wahl gewinnt, sie bestimmt wer reich und wer arm ist und insofern, bis zu einem Level der Existenzsicherung, über Glück und Unglück in unserem Menschenleben. Um die Flüchtlingsströme zu reduzieren, müssen wir das Weltwirtschaftssystem ändern. Eine Flucht aus wirtschaftlichen Gründen, weil vielleicht eine Savanne zur Wüste wird und Nahrungsmittel für die dort Lebenden unbezahlbar sind, ist genauso ernst zu nehmen und sollte ein akzeptiertes Fluchtmotiv sein, nicht weniger, als wenn ein Mensch seine politische Meinung nicht äußern darf. Es ist doch leichter zu ertragen, mal politisch den Mund zu halten, als nichts mehr zu essen zu haben. 

4. Die Internationale

Flüchtlingshelfer aller Länder, vereinigt euch! Nur in einem Land zu helfen verfestigt unsere Ohnmacht. Die Wirtschaft ist globalisiert. Höchste Zeit, dass auch wir Flüchtlingshelfer uns global organisieren, und ebenso alle anderen, die der Weltwirtschaft eine neue, menschlichere Ordnung verpassen wollen. »Die Internationale«, der Anspruch der Arbeiterbewegung von damals, nicht von Nation zu Nation einander zu bekämpfen, ist im August 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Kriegsgeschrei der Nationalisten untergegangen und hat sich seitdem nicht wieder davon erholt.

5. Sprachen lernen

Wir brauchen einen neuen Ansatz bezüglich der Sprachen. Ein Großteil dessen, was die Flüchtlingshelfer tun, ist ja das Vermitteln von Deutschkenntnissen. Es würde die Geflüchteten in ihrer je eigenen kulturellen Beheimatung würdigen, wenn wir ihnen ein Interesse am Erlernen ihrer eigenen Sprache signalisierten – es ist ja nicht an sich Deutsch die bessere oder wertvollere Sprache gegenüber der ihrer Heimat. Warum lernen wir nicht gleichzeitig deren Landesprache, während wir den Flüchtlingen unsere Sprachkenntnisse schenken? Wenigstens ein bisschen davon, ein paar Worte der Begrüßung, des Austauschs, der Grundnahrungsmittel oder bezüglich Krieg und Frieden, das wäre sowohl für sie eine Anerkennung des ihnen Eigenen, wie für uns eine Erweiterung unseres Kulturhorizontes. Das ist mein kleiner, bescheidener Gedanke hierzu. Und jetzt kommt der große: Es braucht eine ökonomisch durchdachte Neuregelung des Spracherwerbs weltweit. 

Nur mal so als Idee, damit die Utopie-Synapsen nicht ganz einschlafen: Wenn alle als Zweitsprache Englisch lernen würden (und die Englisch-Muttersprachler eine Regionalsprache), wäre der Gesamtlernaufwand des Sprachlernens in der Welt um ein Vielfaches geringer, und alle könnten sich untereinander verständigen, das wäre gut für den Frieden und noch für vieles andere. Die Flüchtlinge könnten dann von Anfang an hier in Deutschland Arbeit finden, die Sprache wäre kein Hindernis mehr. Ebenso in den anderen Ländern, Migration und Flüchtlinge gibt es ja nicht nur hier. 

Mensch, werde wesentlich

Bevor jetzt alle aua schreien: Ich bin ein großer Fan von Vielfalt und will die Buntheit der Regionalsprachen nicht vernichten. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich mag sie und lebe als Autor davon, dass ich sie anwende; sie ist das Werkzeug, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Und doch meine ich, dass es eine andere Regelung der sprachlichen Kommunikation und des Spracherwerbs geben muss, in der ganzen Welt. 

Nur her mit euren Utopien! So wie jetzt ist Spracherwerb a pain in the ass – das Erlernen von all diesem unsinnigen, einer klaren Kommunikation nicht dienenden Ballast, den unsere uralten Verbalsprachen mit sich schleppen, ist eine verdammte Maloche, die uns von so vielem anderen abhält. Jedes Mal wenn ich wieder einen Flüchtling mit den deutschen Artikeln (der, die, das) kämpfen sehe oder ihm den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ erklären soll – beides gibt es im Englischen nicht, es geht also gut ohne – denke ich: Haben wir denn sonst keine Probleme? Wollten wir nicht Frieden schaffen, Menschlichkeit, Glück und Wohlstand und müssen uns nun damit rumschlagen, ob es grammatikalisch korrekt ist, euch (oder Ihnen?, oder dir) den (oder die?) erstrebten Wohlstand zu verschaffen? 

Geschätzte 80 Prozent der von den Flüchtlingen verlangten Integrationsleistung ist Spracherwerb, und das in einer von der Bürokratie in kafkaesker Weise verknöcherten Situation. Während um uns die Vögel zwitschern und die Bäume in sommerlichem Grün erstrahlen, ach …. wir könnten es doch so schön haben, in diesem reichen Land, mit diesen Gästen aus der weiten Welt. Und wieder fällt mir dabei ein, wie herzlich ich in der Türkei, in Iran, Afghanistan und Syrien als Tramper aufgenommen wurde, egal wie viel ich von deren Sprachen verstand.

 

P. S. Und hier noch ein Link zu einem Bericht von Elke Buschheuer auf der Webseite der Süddeutschen über das Zusammenleben mit einem Paar schwuler Syrer. Sehr lebendig und glaubhaft geschildert! Über den sexuellen Ausdruck der zu uns gekommenen Flüchtlinge liest man ja sonst nicht viel – und schon gar nicht, wenn sie keine Heteros sind.

 

P.P.S. Und noch ein Hinweis auf dir Türkin Seyran Ates, die in Berlin im Juni eine liberale Moschee eröffnet hat, in der Frauen und Männer zusammen in einem Raum beten, woraufhin sie mit krass sexistischen Worten unflätig beschimpft wird. Sie hat Morddrohungen erhalten und lebt jetzt mit Polizeischutz. 

 

Und noch ein Letztes, weil ich mir denken kann, dass meine Ideen zur Reorganisation des Sprachlernens auf der Welt sich gegen die populäre Überzeugung »Diversität ist in jeder Hinsicht gut« wenden, hier noch ein Hinweis auf die Sprachenvielfalt in Nepal und den Bezug der Sprachendiversität zur Biodiversität. Sehr lesenswert!

Und noch eine Notiz zu gestern Abend (10. Juli), als ich von meinem syrischen Mitbewohner erfuhr, dass die arabischen Worte für Onkel und Tante sich unterscheiden, je nachdem, ob die Geschwister des Vaters oder die der Mutter gemeint sind. Die Schwester der Mutter (Mutter heißt »umm«, Vater »ab«) heißt »amma«, da ist das u zu einem a geworden, also klanglich sehr ähnlich, was auf eine größere Nähe des Bezugs der Mutterschwester als dem der Vaterschwester zum Kind hindeutet. Und noch etwas: das Wort für »Gemeinschaft« (arabisch »umma«) leitet sich von dem für Mutter ab! Sowohl die religiöse Gemeinschaft wie die nationale Gemeinschaft werden, je nach Kontext, als »umma« bezeichnet, also als eine erweiterte Mutter. 

RSS abonnieren

Diskussion zu: Macht und Ohnmacht der Flüchtlingshelfer 

  1. Toller Artikel, danke dafür! In vielem sprichst du mir aus der Seele!

    So blöd es auch ist, „Formularausfüll-Helfer“ zu sein: es ist nun mal Fakt, dass über Formulare der Zugung zu vielerlei Optionen und Leistungen in unserem Staat geregelt wird.

    Um es den Beratenden leichter zu machen und Flüchtlingen zumindest die Option zu bieten, sich auch selbstständig mit dem Formular auseinander zu setzen, gibt es das Projekt „Formulare verstehbar machen“, in dessen Rahmen Ehrenamtliche viele Formulare in die wichtigsten Sprachen der Flüchtlinge übersetzen.

    Die Ergebnisse der Arbeit stehen auf dem Projektblog zum Download bereit . Etliche Formulare sind Länder-spezifisch (Berlin), doch gibts auch bundesweite wie etwa den wichtigen ALG2-Hauptantrag (Arabisch, Persisch/Farsi, Englisch…).

    Das Projekt ist übrigens Spenden-finanziert. Mehr dazu auf der Projektseite bei Betterplace.

Dein Kommentar zu: Macht und Ohnmacht der Flüchtlingshelfer 

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht