Globale WG

»Unser Leben auf diesem Planeten ist durch die Medien zu einer Art 'WG Erde' geworden

Weil wir auf der Welt durch die Globalisierung und die modernen Kommunikationsmittel immer enger zusammenrücken, spricht man seit ein paar Jahrzehnten vom »globalen Dorf«. Durch Internet, Smartphones und die Migrationsströme ist es inzwischen jedoch eher schon zu einer globalen WG geworden, einer globalen Wohngemeinschaft. In einer solchen wohne ich.

Der Schmerz

Neulich war ich genau deshalb von einer Stiftung eingeladen, die eine Podiumsdiskussion angesetzt hatte zu der Frage, wie wir in Deutschland die Integration mit den Flüchtlingen besser hinkriegen. Ist Arbeit der beste Weg zur Integration in diesem Land? Wäre nicht auch das Zusammenwohnen ein guter Weg dorthin? Mein Part war, zu erzählen, was ich dabei erfahren habe, nicht nur den Flüchtlingen zu helfen und dann nach Hause zu gehen, sondern mit ihnen zu wohnen. Ich sagte dabei auch, was, bei all dem Guten, was wir dabei erfahren haben, es schwierig macht: die Bürokratie. Sie ist es, die uns Helfern, die da von Mensch zu Mensch agieren wollen, das Leben schwer macht. Als ich sagte, dass ich dabei oft nicht wisse, ob es seitens der Ämter Dummheit oder Bosheit sei, was sie da tun, prustet der Prof neben mir, der auch zu dem Thema eingeladen war – sein Spezialgebiet ist die religiöse Integration – mich unterbrechend raus: »Beides!« 

Wahrscheinlich sage ich das nur um zu zeigen, dass ich mit diesem Schmerz nicht allein bin. Auf jeden Fall tut es weh, dass es so ist, und mein Motiv, auf das Thema immer wieder hinzuweisen, ist nicht Bosheit und auch nicht eine Missachtung dessen, was die überforderten Menschen in den Ämter alles leisten. In vielen Einzelfällen wachsen sie dabei über sich selbst hinaus, und in unendlich vielen Einzelfällen helfen sie den geflüchteten Menschen. Aber es bleibt das Problem, dass die Regelungen zum großen Teil unsinnig sind, kaum durchführbar und weder den Flüchtlingen nützen noch »unser Land schützen«, was die Politik vielfach ja vorgibt – sei es, um dem Rechtspopulismus Einhalt zu bieten, sei es, sich ihm in die Arme zu werfen. 

Telefonate mit der Heimat

Nun zum eigentlichen Thema dieses Blogeintrags: Wir leben auf der Welt immer enger zusammen. Das liegt vor allem an den Kommunikationsmitteln. Die Flüchtlinge bei mir im Haus telefonieren fast ausnahmslos täglich mit ihrer Heimat, empfangen von dort Bilder und Filme, sind per Video mit ihrem Herkunftsland verbunden und wissen binnen Stunden, manchmal schon nach Minuten oder in Echtzeit, wenn irgendwer aus ihrer Großfamilie durch eine Bombe verletzt oder sein Haus zerstört wurde, ein Famliliennachzug Inis gelobte Land nicht geklappt hat, jemand geheiratet oder ein Kind bekommen hat. 

Obwohl ich die Sprache meiner Mitbewohner nur in den wenigsten Fällen verstehe, höre ich an ihrer Stimme, wie es ihnen geht. Ähnlich wie bei uns, findet auch bei ihnen das Familienleben nicht durchweg im siebsten Himmel statt, sondern schwankt zwischen Frieden und Konflikt, und nicht alles wird ausgesprochen, auch in der Familie nicht, was im Inneren der einzelnen rumort und gehört&verstanden werden will. 

Küche, Bad und Hamam

Mit einigen im Haus teile ich auch Küche und Bad (bzw. habe das getan, die Haussituation ist jetzt im Umbruch). Mit dem Opa der syrischen Familie (er ist mit seiner Familie gerade nach Neumarkt umgezogen) bin ich hier im Haus sehr gerne in die Sauna gegangen, in unser finnisches hamam, und habe dabei jedes Mal versucht, für mich ein paar neue arabische Worte aufzuschnappen. 

Globale Nähe

Das Zusammenleben mit Menschen aus Somalia, Eritrea und dem Senegal, Syrien, Afghanistan und dem Iran nenne ich deshalb jetzt nicht »globales Dorf« sondern »globale WG« und meine, dass auch für diejenigen von uns – es sind mehr als 99 Prozent, die nicht in einer solchen Wohngemeinschaft leben –, unser Leben auf diesem Planeten durch die Medien zu einer Art »WG Erde« geworden ist. Wir bekommen über’s Fernsehen und Internet nun ja auch das Sexualleben der Japaner, Inder und Brasilianer mit, ihre Krankheiten und Familienprobleme, ihre Armut und ihren Reichtum, ihr Sterben und wie dort Kinder geboren werden. Ganz schön nah! 

Wollen wir das?

Auch wenn wir selbst es sind, die den Fernseher einschalten und ins Internet gehen, weil wir uns diesem Sog kaum entziehen können, haben wir es nicht generell gewählt, so mit Informationen geflutet zu werden – und jedenfalls noch nicht richtig gelernt, damit umzugehen. 

Ich selbst mag diese Nähe. Was macht den Menschen aus, jenseits der so verschiedenen Kulturen? Was ist die condition humaine, die menschliche Bestimmung, das uns allen Gemeinsame? Das möchte ich verstehen. Aber nicht allen geht es so. Ich respektiere auch den Wunsch vieler nach Abgeschiedenheit und einer geringeren Infragestellung ihrer herkömmlichen Lebensweise als der Rausch der Moderne uns aufzuzwingen scheint.

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