Das Monster Bürokratie

»Warum können Verwaltungen nicht sich selbst verschlanken und so effektiver werden? Weil ein Problem sich nicht auf der Ebene lösen lässt, auf der es entsanden ist.

Die Bürokratie ist ein Problem; alle Flüchtlingshelfer, die ich kenne, sind sich darin einig. Viele sehen in dem aufgeblähten und inadäquaten Verwaltungsapparat das größte Problem von allen, die sich einem Helfer stellen. Warum gibt es trotzdem keine Initiativen, das Problem zu lösen? 

Vielen drängt sich dabei eine sehr einfache Antwort auf: Es ist politisch so gewollt, also Schikane. Das Schikanieren der Flüchtlinge und ihrer Helfer durch ein Übermaß an Verwaltung, in der die Verwalteten immer irgendwie im Unrecht sind, soll es den Flüchtlingen verleiden, bei uns Unterschlupf zu suchen und den Helfern, ihnen dabei behilflich zu sein. Meiner Meinung nach ist das nur ein kleiner Teil der Antwort. Ich will heute versuchen, einen größeren Bogen zu schlagen, der bessere Antworten ermöglicht. 

Auf jeden Fall ist es so, dass auch die Produzenten der bürokratischen Strukturen und vor allem die sie Ausführenden unter der Bürokratie leiden. Sollten die wirklich sich selbst schikanieren wollen? Das wäre doch sehr unlogisch.

Die Drohung des Amtes

Hier ein kleines Beispiel aus meinen zwei Jahren Flüchtlingshilfe im Umgang mit der diesbezüglichen Bürokratie. Im Zuge der Unterbringung eines Rohingya-Flüchtlings im Connectionhaus wurde mir von einer Behörde eine Monatsmiete für diesen überwiesen, obwohl der Mietvertrag, den ich mit dem Flüchtling nach bestem Wissen und Gewissen gemacht hatte, eine der Vorschriften nicht ausreichend gut erfüllte. Jemand »vom Amt« forderte mich daraufhin in strengem Bürokratendeutsch auf, diese Monatsmiete sofort zurück zu überweisen, unter der Androhung »des Rechtsweges«, wenn ich das nicht bis zu einem zeitnah gesetzen Termin X täte. Der Mensch vom Amt schrieb mir drohend (sinngemäß): »Ich sehe mich gezwungen rechtliche Schritte einzuleiten, wenn Sie nicht …«. Er nannte seinen Namen nicht, bot keine telefonische Durchwahl an und auch keine persönliche Email. Bei meiner Antwort musste ich das Amt anonym anschreiben, obwohl dort eine Person mit »ich« mir gedroht hatte. Die Überweisung war ein Fehler dieses Menschen, nicht von mir; es hatte ja nicht ich das Geld überwiesen, sondern diese Person, die sich aber nicht persönlich zu erkennen gab, sondern mir nun im Amtsdeutsch anonym mit rechtlichen Schritten drohte, wenn ich den Fehler nicht wieder gut machen würde, der gar nicht meiner war. 

Der Fall Amri

Medial bekannt ist der Fall von Anis Amri. Amri war ein jihadistisch motivierter Tunesier, der im Dezember 2016 mit einem gemieteten LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt gefahren war, um dort mögichst viele »Ungläubige« zu töten (12 starben dabei, 55 wurden verletzt). Er war seit Jahren in Europa amtsbekannt, seit Monaten auch in Deutschland und als hoch gefährlich eingestuft. Wie sich später herausstellte, hatte er sich allein in Deutschland unter vierzehn verschiedenen Identitäten hier und dort angemeldet. Im Fall von Amri hatten die Behörden trotz etlicher vermeidbarer Fehler alles, was sie brauchten, um ihn in Deutschland in Haft zu nehmen oder seinem Herkunftsland zu überstellen, aber sie griffen nicht zu. Wozu dann der ganze Verwaltungsapparat, wenn sie in einem solchen Fall nicht zugreifen? In einem viel weniger gefährlichen Fall im Connectionhaus hätten die Behörden ebenfalls leicht zugreifen und den Täter außer Landes bringen können, aber eine Mischung aus falsch verstandenem Daten- und Persönlichkeitsschutz ließen ihn monatelang seine Landleute bedrohen und bestehlen, ohne dass eines der Ämter eingegriffen hätte. Er lachte nur höhnisch darüber. Inzwischen sei er verhaftet und sitze eine Strafe ab, habe ich gehört; genaue Infos bekomme ich nicht, was mir mit Datenschutz begründet wird.

Datenschutz?

Die Behandlung von Datenschutz ist ein Witz. Für Facebook und Google sind wir alle gläserne Bürger; jeder, der Google oder Facebook nutzt, hinterlässt bei diesen Datenkraken Spuren, die zu einem Profil führen, das sich ein Profiler nicht besser wünschen könnte. Bei dem Amt, mit dem ich in Sachen Flüchtlinge zu tun habe, muss ich jedoch eine »Auskunftsvollmacht« von meinen Mietern unterschreiben lassen, damit das Amt überhaupt bereit ist, mit mir zum Thema der Verträge zu kommunizieren, die ich mit den Flüchtlingen mache. Diese Vollmacht unterschreiben mir die Flüchtlinge mir blind, sobald sie ein bisschen Vertrauen gewonnen haben. Sie wissen so wenig, was in dem Papier drinsteht, wie in den anderen Papieren, die sie im Lauf ihres Wartens auf die Aufenthaltsgenehmigung unterschreiben, und wie unsereins von den AGBs weiß, die wir unterschreiben, wenn wir irgendwas im Internet kaufen. Witzbolde haben dort mal die Übereignung der eigenen Kinder an die Lieferfirma einer App reingeschrieben; fast alle haben unterschrieben – wer liest schon sowas. Personenschutz? Ein Witz. Die Bürokratie des Daten- und Personenschutzes behindert de facto den echten Schutz von Personen, weil sie uns in unserer Genervtheit mit überflüssigem und sinnlosem Kram alles unterschrieben lässt, was uns vorgelegt wird, um nur endlich zur Sache zu kommen.

Die Bürokraten leiden selbst

Wenn ich solche Erfahrungen mit den Ämtern »kafkaesk« nenne, erhalte ich weithin Zustimmung. Alle, die mal in Kafkas Roman »Der Prozess« reingelesen haben, nicken dabei nachdrücklich, aber auch andere kennen das Wort als Gruselbegriff für die graue Macht anonymer Amtsherrlichkeit. Und auch die Bürokraten selbst stimmen mir darin zu, denn auch sie leiden, manchmal noch mehr als ihre Opfer. Der mir da wegen der falsch überwiesenen Miete drohte, hatte vermutlich Angst, eine Vorschrift verletzt zu haben, von seinem Boss einen Anschiss zu bekommen, sich einen Karriereschritt zu vermasseln, von Kollegen gerügt zu werden, im schlimmsten Fall das Geld nicht zügig zurückzubekommen, so dass ein Rechtsstreit entstanden wäre. Angst ist das allernormalste Motiv des Bürokraten für seine kafkaeske Verhaltensweise, Schikane und Lust an der Übertrückung sind es m.E. nur selten. Vielen der Bürokraten ist bewusst, dass sie Angst haben. Mit einigen habe ich darüber gesprochen. Einige wissen sogar, dass Angst generell kein gutes Motiv ist, erst Recht nicht im Umgang mit Menschen, die aus begründeter Furcht unter lebensbedrohlichen Umständen aus ihrem Heimatland geflohen sind. 

Logik zieht nicht, es regiert die Angst

Eine Vereinfachung der Flüchtlingsbürokratie würde den Ämtern enorm viel Geld und Personal einsparen; es würde die überforderten Gerichte entlasten, bei denen es monatelange Wartezeiten gibt, und es würde Hunderttausenden ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer erst einen effektiven Zeiteinsatz ermöglichen, von der enormen Verbesserung für die Hauptopfer dieser Bürokratie, den Flüchtlingen selbst, mal abgesehen – aber alle diese Argumente ziehen nicht. Es fehlt der politische Wille die Bürokratie zu vereinfachen, und es bleibt die Angst. Außerdem fehlt das Verständnis für die Zusammenhänge und die Einsicht in die Wirkung des Monsters Bürokratie, das auch die in ihren Fängen hält, die sie ausführen und fortsetzen, inklusive der Erfinder und Formulierer der einzelnen Vorschriften. 

Um dieses Monster zu besiegen, muss man zunächst einmal verstehen und würdigen, warum es Bürokratie überhaupt gibt. Wenn Menschen zusammenleben, braucht es ein gewisses Maß an Verwaltung. Personen brauchen eine soziale Identität, sie müssen wiedererkennbar sein. Beim Verletzen der Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens muss der Täter beschuldigt werden, nicht irgendwer anders. Empfänger von Sozialleistungen müssen lebende Personen sein, eine Zuwendung darf nur einmal an den Berechtigten vergeben werden und nicht zum zweiten Mal an sein erfundenes Alter Ego, und so weiter. Würde man jeweils unter minimalstem Aufwand diese Anforderungen erfüllen, gäbe es überall schlanke Verwaltungen ohne Betrug, das Verteilen von Leistungen wäre gerecht, und die Verwaltungen wären ein Drittel bis halb so groß wie jetzt. 

Transzendenz

Warum können Verwaltungen nicht sich selbst verschlanken und so effektiver werden? Weil ein Versuch mit diesem Ziel durch ein Gremium erledigt würde, das in der Regel zu noch mehr Verwaltung führt, zu noch mehr Kosten, noch längeren Wegen und Wartezeiten. Man will sich doch nicht selbst überflüssig machen. Ein Problem lässt sich eben nicht auf der Ebene lösen, auf der es entstanden ist, sagte Albert Einstein hierzu. Man muss die Ebene wechseln und dann von dort, von einer »höheren« Ebene aus auf das Problem hinunter schauen. Ein kafkaesker, angstbesetzer Apparat kann nicht das Kafkaeske an den Bürokratien beseitigen, so wenig wie Münchhausen sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte. Dafür braucht es einigermaßen angstfreie Menschen, die unbürokratisch vorgehen. Vielleicht müssen sie dabei auch mal den einen oder anderen gordischen Knoten durchschneiden. Jedenfalls brauchen sie einen Blick über ihren eigenen Tellerrand hinaus.

Das ist genau das, was mit »Transzendenz« gemeint ist: über etwas hinausgehen. Seltsam, dass vielleicht Bürokraten das am meisten brauchen, was man doch für die Essenz von Religiosität hält: Transzendenz. Wer hätte das gedacht – nicht die Priester, Pfarrer und Religionslehrer, die Mönche und Nonnen brauchen am meisten Transzendenz, sondern die Bürokraten.

Natürlich brauchen wir alle Transzendenz. Wir brauchen die Fähigkeit, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen, denn diese Fähigkeit ist das Wesentliche an der menschlichen Reifung und der Zunahme von Weisheit, die wir alle früher oder später im Leben erstreben. Und wir brauchen sie insbesondere bei der Minimierung von Bürokratie.

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Diskussion zu: Das Monster Bürokratie

  1. Als ehemaliger transzendierter Bürokrat:
    Ja das tat gut, was ich gemacht hatte. 2 Jahre mal raus, beurlaubt ohne Bezahlung, und transzendiert (als Yogalehrer) zurück.
    Hat den Blick sehr verändert und im Rahmen der Möglichkeiten den Kontakt zum Mensch da draußen erheblich verbessert. Was auch der transzendierte Bürokrat nicht ändern kann, sind die Rechtsvorschriften, die die Bürokratie der Exekutive ausmachen. Hierzu müsste er zum transzendierten Regierungsmitarbeiter der Legislative transformieren, und umgeben sein von transzendierten Politikern, die fortschrittliche Neuregelungen des Rechts beschließen. Eine Frage auch unserer Gewaltenteilung im Rechtsstaat.
    > >
    Verstehen kann ich Dich sehr gut. An dieser Nuss habe ich noch mehr als ein Jahrzehnt mit gefeilt. Zum Schluss in meinem Frieden und glücklich gegangen, der Einsatz hat sich gelohnt: Freundliche Kontakte, verständliches „Amtsdeutsch“ und freundlichen Internetauftritt hinterlassen.
    Wünsche Dir ebenso Kontakte mit transzendierten Bürokraten bei Behörden, die gibts tatsächlich immer häufiger…
    > >
    Hoch lebe die Transzendenz – es gibt kein zurück!
    Gerd

  2. Hallo Gerd,
    danke für deinen Kommentar! Mal zwei Jahre raus, das wünsche ich auch den anderen Bürokraten. Das ist dann ja wohl so ähnlich wie ein Sabbatical. Bei dir waren es sogar zwei Jahre. Als (nun) Yogalehrer und Schamane weißt du auch, dass es nicht transzendierte Menschen gibt, die dann den Nicht-Transzendierten als die Klügeren oder Weiseren gegenüberstünden, sondern dass die Erfahrung des Wachsens und über sich selbst Hinauswachsens eine nie endende ist. Nie kommt man „in der Transzendenz“ an, sondern man wächst und wird und reist weiter. Oder aber man erstarrt von Neuem, was ja, wie du weißt, auch vielen Spiris und Theologen passiert. Auch denen, die von Transzendenz sprechen.

  3. Unsere Verwaltungen arbeiten zumeist problem-orientiert und nicht lösungs-orientiert.

    Wenn sie die Dinge schnell und effektiv lösen würden, hätten sie bald die Berge von Dokumenten abgearbeitet und dann wohl keine Arbeit mehr.
    Solange an den Problemen gefeilt wird, ist für das riesige Verwaltungsheer auch ausreichend bezahlte Arbeit vorhanden.
    Verwaltung als Selbstzweck.

    Ich frage z.B. nur: Warum brauchen wir über 250 Krankenkassen in Deutschland?

    VERWALTUNG ALS SELBSTZWECK

  4. @ Katrin,
    du hast Recht: Verwaltung als Selbstzweck. Angst, den eigenen Arbeitsplatz überflüssig zu machen, wenn man die Amtsvorgänge vereinfachen würde.
    Angst, Angst, Angst! Dagegen würde ein BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) helfen.
    Oder auch kreatives Denken würde helfen. Denn es gibt ja unendlich viel zu tun, um die Flüchtlinge gut zu integrieren!!! Das weißt du als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin sehr gut, ich weiß es, alle wissen es, die in dem System was tun. Wir müssten uns „nur“ umstellen (hahaha, nur …) weg vom dem Zuviel an Bürokratie, hin zu einer echten Hilfe für die Menschen.

    LG
    Wolf

  5. Lieber Wolf,
    Danke für die schnelle Antwort.

    Ein Beispiel will ich geben, wie unbürokratische Lösungsansätze durch Amtsakte zerstört werden.

    Ich hatte als Leiterin unserer kleinen Volkshochschule eine berentete Deutsch-Lehrerin gefunden. Diese hatte 22 Jahre im Goetheinstitut in Damaskus Deutschkurse in allen Niveaustufen gegeben. Jetzt als Rentnerin bot sie einen B 2 – Kurs an für alle die Ausländer, die B 1 im Integrationskurs geschafft hatten und die in der Warteschlange hingen, denn erst das B 2 -Niveau führt in die Arbeitswelt.

    Die Fallmanager beim Jobcenter lehnten die Kostenübernahme für alle Interessierten ohne Begründung ab.

    Über unser Bürgerbündnis konnten wir dann aber so viele Spenden sammeln, dass wir für 6 junge syrische Männer den Kurs finanzieren konnten. Einige andere Ausländer komplettierten die Gruppe.

    Fast 3 Wochen waren sie eifrig beim Lernen in der örtlichen Volkshochschule, als alle Syrer den Bescheid des Jobcenters erhielten, sich zu einem Kurs „B2 + Beruf“ eines renommierten rheinländischen Bildungsinstituts einzufinden, welches in einer bundesweiten Ausschreibung für diesen Kurs den Zuschlag in der Uckermark (700 km entfernt von deren Hauptsitz) erhalten hatte. Der Träger mietete sich schnell 2 Räume und suchte sich kurzfristig Lehrkräfte in der Region.

    Alle 6 mussten unter Androhung von Sanktionen den bereits begonnenen Kurs abbrechen und den neuen Kurs beginnen.

    Wer möchte wissen, was schließlich der Erfolg war?
    Von 24 Kursteilnehmern des zertifizierten und renommierten Bildungsträgers aus dem Rheinland bestanden 2 die Prüfung.

    Die 6 Jungs, die so motiviert bei der vhs begonnen hatten, waren durch die Sanktionsandrohungen geschockt und unmotiviert und von den unerfahrenen Lehrern auch nicht zum Lernen motiviert worden.

    Im Volkshochschulkurs mit der hocherfahrenen Lehrerin haben alle verbliebenen 4 Teilnehmer die B 2 – Prüfung bestanden.

    Es leben Trägerprotektionismus und Srafandrohungen gekrönt von Bürokratie!

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