Afrikaner in Europa

»Wenn unsere Bürokratie von verängstigten, lebensscheuen Menschen betrieben wird, dann ist das Ergebnis so, wie Franz Kafka es in seinen Romanen beschrieben hat: kafkaesk. 

Seit ein paar Monaten lebe ich mit Afrikanern zusammen. Nicht nur in einem Haus lebe ich mit ihnen, sondern in einer WG. Weil ich mich vegetarisch ernähre, die Afrikaner nicht, haben wir getrennte Küchen, aber unsere Gemeinschaftsräume und Sanitärräume teilen wir miteinander, wir sind einander also sehr nah. 

Dabei merke ich, wie sehr sich mein Bezug zu Schwarzafrika verstärkt, zu diesem riesigen Kontinent aus dem wir alle stammen. Bisher galt mein kulturelles und weltpolitisches Interesse hauptsächlich Europa und Asien, Schwarzafrika und Amerika waren mir eher fremd und aus eigenen Reisen nicht oder kaum bekannt. Nun lebe ich mit diesen dunkelhäutigen Menschen zusammen, habe schmerzliche und schöne Erfahrungen mit ihnen, staune und lerne und bin auch hier immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen, wie immer, bei allem. 

Die Uhr und die Zeit

»Als Gott die Welt erschuf, gab er den Afrikanern die Zeit, den Europäern die Uhr«, dieses Sprichwort (vermutlich aus Afrika) fällt mir wieder ein, wenn ich erlebe, wie zeitlos fröhlich und unpünktlich diese Afrikaner sind, sofern sie nicht von den Deutschen erfolreich domestiziert, äh … integriert wurden. Die meisten von ihnen sind am 1. 1. irgendeines Jahres geboren. Wirklich? Natürlich nicht. Auch in Afrika haben die Menschen nicht nur an einem Tag des Jahres (oder an einer für die Zeugung besonders günstigen Gruppe von Tagen) verstärkt Sex. Die Angabe des 1.1. liegt daran, dass für Europa (alias den Westen oder die neue Welt unserer Datengesellschaft) das Geburtsdatum ein Identitätsmerkmal ist. Jeder hat einen Vornamen und einen Nachnamen (und keinen dritten!) und muss wissen, welcher Teil des Namens wohin gehört. Außerdem hat jeder ein Geburtsjahr; auch das ist bei Afrikaner und Asiaten oft nicht sicher – warum auch: ist doch egal in welchem Jahr ein Kind geboren wurde, wenn man es liebt. So wie jeder einen Geburtsort, eine Nationalität, am besten auch einen Pass oder Personalausweis hat, mit eindeutigen Angaben, und eine persönliche Unterschrift, die man unter Dokumente unserer Verwaltung setzt. Das Unterschreiben machen die Flüchtlinge übrigens blind, sobald sie mal persönlich vertrauen, so wie wir die AGBs einer im Internet gekauften App als gelesen ankreuzen, auch wenn wir keinen einzigen Satz davon gelesen haben. Vielleicht unterschreiben sie diese Dokumente auch aus Angst oder Obrigkeitshörigkeit, denn diese Anweisungen und Aufforderungen verstehen nicht einmal deutsche Akademiker. 

»Aufforderung zur Mitwirkung«

Kürzlich verschickte die örtliche Behörde, von der unsere Afrikaner ihren Lebensunterhalt bekommen, an einen unserer Bewohner eine »Aufforderung zur Mitwirkung«. Der Brief kam, nachdem diese Behörde drei Monate lang die circa 400 €, die er monatlich zum Lebensunterhalt bekommen sollte, nicht ausgezahlt hatte, obwohl sie seine neue Bankverbindung hatte. Die hatte er sich nach dem bewilligten Umzug zugelegt und war dann immer wieder an dieser Behörde vorstellig geworden (wie er das geschafft hat, weiß ich nicht, er hat nämlich längst kein Geld mehr, um sich Bahn- oder Bustickets zu besorgen). Immer wieder wurde er dort vertröstet, er solle warten, bis das Geld kommt. Oder sie forderten Unterlagen an, die er nicht oder nicht vollständig brachte, vor allem weil er nicht verstand, was sie denn wollten. Seine Freunde aus Eritrea hielten ihn währenddessen mit Essensspenden am Leben. Eine Deutsche lieh ihm ein bisschen Geld. Während dieser Zeit wurde er immer ungeduldiger. Einmal wurde er wütend, weil er an der Rezeption der Behörde nicht zu der für ihn zuständigen Person vorgelassen wurde, sondern schon am Eingang erneut streng angewiesen wurde, seine Papiere abzugeben. Die hat er nun immerhin fast vollständig abgeben können, nach Stunden des Aufwands mehrerer ehrenamtlicher deutscher Helfer. 

Das Amt und der Mensch

Meine Bitte an das Amt, doch in diesem  Fall mal hier dem Menschlichen den Vorrang zu geben vor der Erfüllung einer Vorschrift wurde abgewiesen. Sie hätten die Vorschriften korrekt zu erfüllen, sagen sie. So wurde er nun förmlich »zur Mitwirkung aufgefordert«, nachdem er »Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) beantragt habe«, wie das Schreiben es formulierte, und in diesem Stil geht es weiter. Es weiß jedoch keiner der Flüchtlinge, was das »Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II)« ist. Sogar Worte wie »Leistungen«, »Sicherung«, »Unterlagen« und ganz sicher auch die »Finanzstatusübersicht« die er nun zu bringen hat, sind für diese Afrikaner Fremdworte. Sie haben Monate größter Entbehrungen überstanden, um die Sahara zu durchqueren, haben dann auf einem winzigen Boot die Mittelmeerüberquerung überlebt und sind nun mit der deutschen Bürokratie konfrontiert. Auch dieser dritte Teil ihrer Flucht ist lebensgefährlich, denn wenn Sie Pech haben führt dieser dritte Teil zur Rückführung in ihr Heimatland. 

Oder aber die Auseinandersetzung mit der Bürokratie führt ins Gefängnis. Schon Schwarzfahren kann zur Gefangennahme führen und ist dann oft genug der Beginn einer kriminellen Karriere, wenn sie nämlich das als Folge des Schwarzfahrens verschickte amtliche Schreiben nicht richtig verstehen. Die Begriffe in diesen Schreiben sind von Bürokraten, überwiegend Juristen, erschaffene Angstwörter. Kaum einer dieser Sätze kann auf Anhieb verstanden werden. Sie verwirren und ängstigen, manchmal schockieren sie. Fast immer verbreiten sie den Nimbus einer mächtigen Behörde, der gegenüber nur Untertanen, die alles servil hinnehmen, die Gnade einer Bezahlung von Geld zum Lebensunterhalt gewährt wird und die dann irgendwann vielleicht eine »Duldung« oder einen »subsidiären Status« erhalten. 

Papiermenschen versus Lebemenschen

Ein solches Staatsgebaren änstigt nicht nur Flüchlinge, hier ist es nur besonders krass. Überall werden von den Papiermenschen – Momos »grauen Herren« –  diejenigen bevorzugt, die sich dem prallen Leben verweigern, um so zu behördlich angepassten, datenkonformen Menschen zu werden. Die behördlich akzeptablen Menschen nehmen sie erst dann in ihre Liga auf, wenn sie sich ihren Formularen anpassen und in die dort vorgegebenen Schubladen passen. Wären die Untertanen imstande das nur »pro Forma« zu tun, hätten sie Glück. Dann könnten sie den Behörden den verlangten Tribut zahlen und trotzdem ihre Lebendigkeit bewahren, liebend und fröhlich bleiben, sich an Blumen und Sonnenschein freuen, an Kindern und trinkbarem Wasser, der Atemluft und jedem neuen Tag, den sie gesund in ihrem Körper aufwachen. Aber wer kann das schon? Nur ein im spirituellen Sinn vollständig Befreiter könnte das – in der Sprache des Hinduismus ein Jivanmukti. In Europa würde man dazu eher sagen: ein Narr, positiv verstanden, also kein Depp, das heißt ein Mensch, der sich vollständig bewusst ist, dass jede soziale Identität nur eine Fiktion ist. 

Bald wird es bei Behörden kaum mehr Papier geben. Die Kommunikation wird auf elektronisch umgestellt, alles wird digital. Das erleichtert vieles. Der Gegensatz zwischen dem behördlich angepassten, systemkonformen Untertanen einerseits und dem echten, lebendigen Menschsein ‚da draußen‘ aber wird bleiben und vielleicht sogar noch krasser werden, denn das Wissen über uns einzelne, die behördlich verfügbaren Daten über uns werden mehr. Die sozialen Netzwerke sind ja voll davon und außerdem kaum löschbar, selbst wenn Google sich als nicht hackbar erweisen sollte.

Die Kreuzigung

Zurück zu den Menschen bei mir im Haus. Auch wenn ihre dunkle Haut für mich anfangs noch ungewohnt war, ist sie für mich inzwischen zu einem ganz eigenen, faszinierenden Schönheitsmerkmal geworden. So ähnlich ging es mir auch 1976, als ich in Südostasien lebte: Die Physiognomie dieser Menschen war für mich in ihrer Fremdheit eigentümlich schön. Inzwischen ist mit zunehmendem Lebensalter diese Bevorzugung des Fremden, Andersartigen gewichen, in bin heute kein Romantisierer des Andersartigen mehr. Meine Neugier und das Staunen sind jedoch geblieben, und ich hoffe, dass das bis ans Ende meiner Tage bleiben wird. 

Nichts fasziniert mich so sehr wie das Lächeln eines glücklichen Menschen und die Fröhlichkeit vergnügter, unbeschwerter Kinder. Kaum etwas bedrückt mich so sehr wie das, was Wilhelm Reich einst den »Christusmord« nannte: die Kreuzigung der unbeschwerten, freien, lebendigen Natur, mit der wir ins Leben hineingeboren werden, ehe die Maschinerie der Behörden und …. ja, auch des Rechtsstaates uns erfasst. Der Rechtsstaat hat ja grundsätzlich sehr viel für sich. Aber wenn er von verängstigten, lebensscheuen Menschen betrieben wird, die vergessen haben, dass der Staat für die Menschen da sein sollte und nicht umgekehrt, dann ist das Ergebnis so, wie Franz Kafka es in seinen Romanen beschrieben hat: Es ist kafkaesk. 

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Diskussion zu: Afrikaner in Europa

  1. Ein sehr berührender Bericht!

    Er motiviert mich, hier auf das Projekt „Formulare verstehbar machen“ der KuB Berlin hinzuweisen.

    Freiwillige übersetzen deutsche Amtsformulare in mehrere Sprachen (englisch, französisch, arabisch, persisch/farsi…), im Projektblog stehen sie unter „übersetzte Formulare“ zur Verfügung. Es handelt sich um Ausfüllhilfen, letztendlich muss das jeweilige deutschsprachige Formular eingereicht werden.

    Die Übersetzungen alleine reichen natürlich oft nicht aus, um das „Amtsdeutsch“ tatsächlich verständlich zu machen – es ist auf jedenfall besser, wenn die Formulare im Rahmen einer Beratung durch Helfende genutzt werden, die aufkommende Fragen erläutern können.

    LG

    Claudia

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